Ein großes Netzwerk
Predigt am Sonntag Septuagesimae - 5. Februar 2012
Ingrid Köly-Hell, GAAVER Sao Paulo
IV. Reihe: Markus 1, 14-20
Und nachdem Johannes überliefert war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes. und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium. Und als er am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, im See die Netze auswerfen, denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Kommt mir nach, und ich werde euch zu Menschenfischern machen; und sogleich verließen sie die Netze und folgten ihm nach. Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den [Sohn] des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes, auch sie im Schiff, wie sie die Netze ausbesserten; und sogleich rief er sie. Und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit den Tagelöhnern im Schiff und gingen weg, ihm nach. Heilung eines Besessenen.
„ Die Zeit ist erfüllt – das Reich Gottes ist
nahe – ändert euer Leben, und glaubt der guten Nachricht“
Ja, das Reich Gottes, es soll schon auf Erden sein – es ist
wie ein grosses Netzwerk! Hier gab Jesus den Anstoss – dann braucht
es ganz viele Hände, Füsse, Ideen, Stunden und Jahre in denen die
verschiedensten Menschen sich in Bewegung setzen. Diese Voraussage
soll sich erfüllen:
und so wählt Jesus ganz gewöhnliche Menschen aus - diese jungen
Fischer – den Simon und Andreas und die andern Brüder, den Jakobus
und den Johannes: „Kommt mit, folgt mir nach!“
Ihre Aufgabe ist ab heute - Menschen zu fischen, um sie für Gott zu
gewinnen. Jesus hat sie sicher zutiefst begeistert – denn - In ihrem
Beruf als Fischer hatten sie eine sichere Zukunft. Am See Genezareth
gab es genügend Fische um ihre Familien zu versorgen.
Und dann kommt Jesus, und - sie lassen ihre Fischer-Netze liegen und
folgen ihm nach!
Wir sprechen heute viel vom Sozialen Netz, es soll Sicherheit geben,
niemanden in die Untiefen irgendeiner Not abstürzen lassen.
Durch den Stern der Hoffnung ist ein grosses Netzwerk entstanden,
ein Netz aus vielen Menschen die sich bereit erklärt haben zu
helfen. Auch meine Arbeit in den Favelas, den Armenvierteln, der
Millionenstadt São Paulo wird vom Stern der Hoffnung unterstützt.
Wir besuchen die Familien in ihrer häuslichen Umgebung, in den
armseligen Hütten, wo viele am Existenzminimum leben, arbeitslos
sind. Und nun kommt zur Arbeitslosigkeit auch noch AIDS.
GAAVER hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Familien bei all
ihren Problemen zu unterstützten und zu begleiten.
Dazu gehört:
Die Pflege eines Schwerstkranken, die Anleitung der Angehörigen und
wenn es erforderlich ist die Weitervermittlung in ein Pflegehaus,
die Überwachung und Kontrolle der täglichen Medikamente, Begleitung
bei Arztterminen oder Behördengängen, Hilfe bei Schul- oder
Kindergartenplätzen, Kontakte mit dem Jugendamt und der
Sozialbehörde, Verteilung von Grundnahrungsmittelpaketen usw.
Zur Zeit betreuen wir 65 Familien, in 18 verschiedenen Stadtteilen
von São Paulo.
Bei meinen Besuchen in den Favelas, den Gesprächen mit unseren
Patienten, Männern, Frauen und auch Kindern sehe ich immer wieder
wie wie wichtig es ist das die Betroffenen wissen, da ist jemand der
Trost gibt, an den er sich in seiner Not wenden kann, der ihn
annimmt, jemand dem er nicht gleichgültig ist.
Das Untersuchungsergebnis HIV positiv ist für alle Betroffenen ein
grosser Schock.
Auch die Familie von Antonio wusste nicht wie sie mit dieser grossen
Bürde umgehen sollte und suchte Hilfe bei uns.
Da es keine Hoffnung auf Besserung seines Zustands mehr gab und das
Bett gebraucht wurde, entliess man ihn zum Sterben nach Hause, die
Ärzte sprachen von einem Monat.
Über einen schmalen langen Korridor, vorbei an mehreren Türen
gelangte ich zu dem Zimmer in dem Antonio wohnte, auch die Wohnung
seiner Schwestern und der Mutter befanden sich hier. Es war alles
sehr klein und eng das gemeinsame Bad befand sich ausserhalb der
Wohnungen.
Seine Mutter weinte. Sieben Kinder hatte sie gross gezogen, 4 Söhne
und 3 Töchter. Von den Söhnen war ihr nur noch Antonio geblieben.
Sollte nun auch ihr Jüngster sterben?
Sie hatte nicht mehr die Kraft die tägliche Grundpflege zu
übernehmen und seine drei Schwesten wollten alles tun, aber mit der
Pflege fühlten sie sich überfordert.
Da lag er nun in seinem Bett, halbseitig gelähmt, abgemagert, inkontinent, konnte nicht sprechen und nicht schlucken. Er war von
der Krankheit gekennzeichnet. Die Hilflosigkeit der Familie war zu
spüren, die Ärzte gaben Antonio nur noch wenige Monate zum Leben und
diese Zeit sollte er in der Obhut der Familie verbringen.
Ich klärte die Angehörigen über den Pflegeablauf auf und kümmerte
mich dann intensiver um Antonio, nahm ihn aus seinem Bett um zu
sehen ob er in dem gelähmten Bein noch Kraft hatte. Als ich spürte,
das er die Zehenspitzen auf den Boden drückte, war mir klar, das er
mit einem starken Willen, intensiver Behandlung und Training ,
wieder laufen würde und ich sagte es ihm. Er sah mich ungläubig an.
Die Arbeit begann. Tägliche Körperpflege, Sprechübungen, Trainieren
der Gesichtsmuskulatur und des Schluckapparates, Massagen der
gelähmten Extremitäten, Bewegungsübungen und nach einigen Tagen die
ersten Stehversuche und jeden Tag ein paar Schritte. Antonio hatte
den starken Willen wieder auf die Beine zu kommen. Mit der linken
Hand übte er zu Schreiben, es war die einzige Möglichkeit um seine
Wünsche zu äussern. Eines Tages gab er mir ein Blatt Papier, auf dem
mit ungelenken Buchstaben geschrieben stand
– Herr ich möchte wieder laufen und sprechen –
Und dann, nach ca. 8 Wochen waren die ersten Erfolge sichtbar.
Antonio schaffte es mit meiner Unterstützung ins Bad zu gehen und
zur Freude aller sprach er sein erstes Wort. Es war "Mama".
Für seine Mutter war dieses Wort etwas besonderes, es war ein
Hoffnungsschimmer. Hatte sie doch ihren Sohn aus dem Krankenhaus
zurückbekommen hilflos wie ein Baby und nun zeigten sich die ersten
kleinen Erfolge, wie bei einem Kind. Die ersten Schritte mit Hilfe
und das erste Wort, Mama. Für sie gab es keinen Zweifel, ihr Sohn
wird wieder laufen und sprechen.
Nach einem halben Jahr war es dann geschafft, Antonio ging mit Hilfe
eines Gehstockes ins Bad, duschte alleine, konnte wieder schlucken,
alleine essen und auch seine Sprache kehrte wieder zurück. Es fiel
ihm noch schwer die Worte und Laute richtig zu formen aber täglich
waren Fortschritte zu verzeichnen.
Drei Jahre später ist seine Mutter an Krebs verstorben, zwei seiner
Schwestern haben die Wohnung gewechselt, und die andere Schwester
hatte mit ihren 5 Kindern auch wenig Zeit sich um ihn zu kümmern.
Die 18 jährige Tochter arbeitete den ganzen Tag.
Was nun?
Wenn er auch seine täglichen Bedürfnisse wie duschen usw. selbst
erledigen konnte, so hatte doch seine Mutter den Haushalt geführt,
die Wäsche gewaschen, sein Zimmer geputzt, die Einkäufe erledigt und
für ihn gekocht. Und nun, wer sollte alle diese Arbeiten erledigen?
Plötzlich musste er lernen sein Leben selbst in die Hand zu nehmen
unabhängig zu sein, selbständig werden.
Und er hat es geschafft!
Heute ist Antonio ein selbständiger Mann. Er geht ohne Stock, fährt
mit dem Bus, hat seine Wohnung selbst gestrichen, wäscht seine
Wäsche und kocht auch hin und wieder. Er hat seinen Traum, wieder
einen kleinen Laden zu haben in die Tat umgesetzt und ist trotz
seiner Behinderung ein unabhängiger Mitbürger geworden.
Es braucht viele Menschen, viele Hände um ein Werk zu vollbringen,
viele Menschen an vielen kleinen und grossen Orten, viele Menschen
die durch ihre Mithilfe und Solidarität ein Netz knüpfen das
Geborgenheit und Sicherheit geben kann.
Bericht:
Über alle jetzigen Mitarbeiter in Sao Paulo kann man sich nur
freuen. Die Werke sind alle äusserst gepflegt und in der Arbeit
erfolgreich. Im Osten werden 18 Patienten betreut, die alle schwerstkrank sind (12 sind Rollstuhlabhängig), nicht mehr für sich sorgen
können und auch niemanden haben, der sie pflegen würde. Mit
bescheidenen Mitteln sorgt eine Krankenschwester und ihr Team
hervorragend für diese Kranken. Patienten denen es besser geht
werden in ein anderes Haus verlegt, eine Art bereutes Wohnen. Hier
versorgen sie sich selbst und ein Mitarbeiter ist tagsüber anwesend
um organisatorische Dinge, wie Arzttermine etc., zu regeln oder auch
andere Probleme aufzufangen.
Im Westen , der Klinik für Drogenabhängige, leben in einem grossen
Haus mit 16 Zimmern 28 Alkohol- und Drogenabhängige HIV-positive
Menschen, die ihren Entzug machen. Sie arbeiten nach den 12
Schritten der AA und machen auch Einzeltherapien. Elisa und Adriana,
selber HIV-positiv und ehemalige Drogengebraucher, seit 14 Jahren
trocken, leiten das Werk. Sie kennen die Welt der Drogen von innen
und aussen und können so ihre Erfahrungen in die Arbeit, die sie
hervorragend machen,
umsetzen.
Bei der ALIVI (Hauptwerk vom Stern der Hoffnung von Frau Eicher
gegründet) gibt es immer noch drei Einheiten :
Betreuung der Kinder (Kinderhäuser),
Schwerstkranke (Plegehaus Casa da Paz)
und Drogenabhängige (Terra da Promessa Entzugsklinik).
Im Kinderhaus der „ Kleine Prinz“ kümmert sich eine Psychologin um
die verlassenen, ausgesetzten oder verwaisten Kinder von
HIV-positiven Müttern. An die fünfzig Kinder werden jedes Jahr zur
Adoption freigegeben. Die Arbeit, gemeinsam mit dem Jugendamt und
dem Jugendrichter, ist sehr erfolgreich. Selbst HIV-positive Kinder
werden adoptiert. Allerdings muss ein Kinderhaus aus Mangel an Geld
geschlossen werden.
Die Casa da Paz, das Pflegehaus, ist ein Vorzeigehaus. Seit zwei
Jahren hat dieses Hospiz eine neue Leitung. Celia ein Strassenkind
aus Bahia hat sich zu einer Krankenschwester mit universitärem
Abschluss entwickelt. Sie ist eine ganz bescheidene Person mit
grosser Arbeitskraft und Durchsetzungsvermögen. Dieses Haus
beherbergt 18 Personen die schwerstpflegebedürftig sind, keine
Bleibe haben und hier ihr Lebensende verbringen. Aus dem
ursprünglichen Hospiz, dem Sterbehaus, ist ein Pflegeheim geworden.
Die Nachfrage für dieses Haus ist riesig aber die Plätze sind
beschränkt.
Auf der Terra da Promessa dem ehemaligen Ort für Mütter mit ihren
Kindern werden seit April 2011 Drogenabhängige, die sich für einen
Drogenentzug entschieden haben, betreut.
Herr Eicher hat hier bei seinem letzten Besuch im Dezember 11 –
Anfang Februar 12 intensiv gearbeitet, indem er den Psychologen und
Betreuenden die Methoden des Psychodramas beibrachte. Diese Arbeit
ist sehr schwer aber vermittelt auch viel Freude. Es lief
hervorragend aber dennoch musste der Entschluss gefasst werden, das
Werk vorläufig zu schliessen, da es an Mitteln mangelt, die Arbeit
den Stern der Hoffnung in ein Defizit stürzt. Wenn das Wasserwerk
endlich mit der Förderung des Mineralwassers und dem Verkauf
beginnen kann, ist es vielleicht möglich die Arbeit der
Entzugsklinik wieder aufzunehmen. Leider mahlen die Mühlen der
Behörden sehr langsam.
Die Arbeit für Mütter und Kinder ist eingestellt worden, da der
Staat inzwischen ein Mutter und Kind Werk hat. Die Mütter werden in
einen Beruf eingeführt (es gibt eine obligatorische Schulung für die
Mütter) und die Kinder werden in dieser Zeit betreut.
GAAVER
Ich musste 2010 einen Krankenpfleger und 2011 unsere Sekretärin
entlassen, da die Unterstützung vom Stern der Hoffnung aus
finanziellen Gründen um 25% gekürzt wurde.
Meine Vizepräsidentin und ich konnten aber mit Hilfe unserer
ehrenamtlichen Mitarbeiter, da wir im Moment keine Pflegefälle
haben, die Arbeit gut bewältigen. (Begleitung zu Arzt und
Untersuchungsterminen, Besuche, Gespräche, Durchführung von
Nähkursen, Verkauf der Produkte auf Weihnachtsbazaren,
Weihnachtsfeier für unsere 100 Kinder, etc., Herstellung der Patchworkartikel
(mehr darüber hier:
http://cataventopatchwork.blogspot.com/)
Im Grunde genommen läuft alles optimal ausser den Finanzen. Dass der
Staat nicht besser beisteht und mehr Unterstützung leistet macht
einfach wütend.
Ich danke Gott für die Hilfe all der Menschen, die dazu beitragen,
dass wir unsere Arbeit fortführen können.
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GAAVER ist die Abkürzung von Grupo
de Apoio Amar
é viVER und
steht für "Hilfsgruppe Lieben ist Leben". GAAVER ist eine selbständige, regierungsunabhängige Organisation ohne Eigengewinne, die sich der Aufklärung, Vorbeugung und Hilfe für Familien bei der HIV/Aids-Problematik in der Nordzone der brasilianischen Metropole Sao Paulo widmet.
Gegründet wurde die Organisation 1998 durch die Krankenschwester Ingrid Köly-Hell. GAAVER finanziert sich zu 100% aus Spenden - sowohl aus Deutschland als auch aus Brasilien. Unterstützt wird GAAVER in Deutschland vom Stern der Hoffnung. Der Stern der Hoffnung ist ein Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, verschiedene Hilfswerke für verelendete HIV-Positive und Aidskranke zu finanzieren. Eine enge Partnerschaft besteht ebenso zur Ev. Kirchengemeinde Bad Lippspringe. In der Ev.-Lutherische Lukas-Gemeinde in Paderborn wird GAAVER als Partnerprojekt unterstützt. |
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 08.02.12