Nützt uns unser Glaube an Gott?
Predigt am 3. Sonntag vor der Passionszeit Septuagesimae – 20. Februar 2011
Vikarin Melanie Corzilius, Bad Lippspringe
III. Reihe: Lk 17,7-10
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem
Herrn Jesus Christus.
Amen
Liebe Gemeinde,
was nützt es mir eigentlich an Gott zu glauben? Warum soll ich beten
und die Gebote halten und meinen freien Sonntag Morgen aufgeben,
wenn es mir doch gar nichts bringt?
Wir sind gewohnt so zu fragen. In unserem Alltag selektieren wir
ständig danach, ob es uns nützt oder nicht. Auf welchem Konto gibt
es mehr Zinsen, mit welcher Zugfahrkarte spare ich am meisten Geld,
welches Gemüse ist nicht teuer und hält mich trotzdem gesund, auf
welcher Schule bekommen meine Kinder noch extra Qualifikationen und
so weiter und so fort.
Der Check-up, welche Entscheidung für uns vorteilhaft und welche
nachteilig ist, läuft unbewusst bei jeder Entscheidung mit, wir
können uns dem nicht entziehen.
Schon lange gilt das auch für den Bereich des Glaubens. Die Zeiten,
in denen der Glaube an Gott selbstverständlicher Teil des
menschlichen Alltags war, gehören– wenn es sie jemals gab – der
Vergangenheit an. Für die meisten Menschen unserer Zeit ist Glauben
an Gott eine bewusste, persönliche Entscheidung, keine
Selbstverständlichkeit mehr.
Wenn wir uns aber für etwas entscheiden, erwarten wir auch einen
Vorteil davon, zumal wenn es mit Aufwand verbunden ist. Wo wir
diesen nicht sehen, leuchtet es uns nicht ein, warum wir Zeit und
Kraft investieren sollten.
Ein Beispiel aus der Schule. In der sechsten Klasse war das Thema
Paulus an der Reihe. Auf einer biblischen Landkarte betrachteten wir
gemeinsam die Reisen des Paulus, welche Strapazen er auf sich
genommen hatte und wie viel Zeit er investiert hatte, um die
Gemeinden in Kleinasien zu bereisen. Gefragt, warum er das gemacht
hätte, antwortete ich, dass er das Evangelium Jesu Christi zu den
Menschen bringen wollte. Nächste Frage: „Bekam er dafür Geld?“
Antwort: „Nein, er tat es aus Überzeugung und aus Glaube.“ 28
verständnislose Augenpaare sahen mich fragend an. In dieser Stunde
war es nicht mehr möglich, die Person des Paulus den Schülern näher
zu bringen. Einer der so etwas macht, ohne Geld dafür zu bekommen,
der war entweder ganz schön blöd oder ein echt abgefahrener Typ.
Für Menschen, die ständig mit den biblischen Geschichten umgehen,
ist so jemand wie Paulus keine fremde Erscheinung mehr. Aber indem
die Schüler sich so gar nicht mit dieser Person identifizieren
konnten, wurde auch mir wieder bewusst, dass der Lebenswandel des
Paulus durchaus ganz und gar nicht gewöhnlich ist. Nicht für uns
heute, aber auch nicht für die damalige Zeit. Ein Eiferer für
Christus, der so ganz ohne Lohn und sonstigen Nutzen sein Leben
daran hängt, um das Evangelium von Christus bis an die Enden der
Welt zu tragen, der war auch damals schon ein „echt abgefahrener
Typ“.
Nicht weniger ‚abgefahren‘ musste auch damals diese neue
Glaubensrichtung selbst auf die Menschen gewirkt haben, die Paulus
da verbreitete. Es widersprach allem Gewohnten. Man konnte keinen
Stier opfern, damit der Gott es wieder regnen lasse, und keine
Taube, damit die Götter einem gewogen seien. Man hatte auch keine
Gesetze, durch deren Einhaltung man sich Gottes Gunst verdienen
konnte. Man hatte nur eines: Glaube. Welch eine seltsam abstrakte,
wenig greifbare Form der Gottesverehrung.
Doch einfach nur Glaube heißt nicht – wie man vermuten könnte –
laissez faire, tu was du willst, alles ist richtig, nichts ist
falsch. Glauben an Jesus Christus das heißt ein ‚Knecht‘ zu sein –
und bei diesem Wort mussten sicher auch die Jünger schlucken, als
Jesus zu ihnen sprach:
Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt
oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt:
Komm gleich her und setz dich zu Tisch?
Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen,
schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe;
danach sollst du auch essen und trinken?
Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?
So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so
sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun
schuldig waren. (Lk 17,7-10)
„Unnütze Knechte“ – und das, nach all dem, was die Jünger für
Jesus getan hatten? Sie liebten ihren Jesus, sie waren ihm überall
hin gefolgt, hatten alles für ihn aufgegeben, und dennoch sollten
sie für Gott nichts anderes sein als unnütze Knechte? Sie hatten
sich keinen großen Lohn ausgerechnet, aber vielleicht doch ein
bisschen mehr als das? Was wollte Jesus damit sagen?
Da ist dieser Knecht. Er schaut in den Himmel: die Sonne steht schon
tiefer, vom Horizont zieht die Dämmerung herauf. Mit einem Stab
treibt er die Ziegen vor sich her, über der Schulter eine Harke, das
Feld musste gepflügt werden. Seine Lippen schmecken salzig vom
Schweiß der Mittagshitze, seine rauen Hände sind erdig. Er treibt
die Ziegen schneller, denn er weiß, der Herr wird bald zu Hause
sein. Sein Arbeitstag ist noch nicht zu Ende. Eilig macht er ein
Feuer, um Fladen zu backen, und zieht einen Eimer frischen Wassers
aus dem Brunnen. Schon hat sich der Herr zum Essen gelegt, der
Knecht eilt herbei. Das Brot ist noch warm, das Wasser schön kühl.
Der Knecht wartet geduldig, dann serviert er noch ein paar frische
Feigen – die ersten Früchte sind nun reif. Der Herr ist zufrieden
und lehnt sich satt in seinen Kissen zurück. Das ist dem Knecht Dank
genug. In seiner Kammer speist er nun selbst. Die Sonne ist
untergegangen, das Brot ist abgekühlt, eine Feige bleibt ihm noch.
Er genießt sie und legt sich schlafen. Morgen früh wartet die
Arbeit. Der Knecht fragt nicht nach mehr – wozu mehr? Er hat ein
Heim, ein Dach über dem Kopf, eine weiche Matte zum schlafen, und
sichere Mauern, die Schutz vor den Tieren der Nacht bieten. Er wird
jeden Tag satt und braucht sich um seine Zukunft nicht zu sorgen,
denn sein Herr ist ein weiser und guter Herr. Mit seinem Herrn zu
Tisch sitzen? Sich von seinem Herrn für die Arbeit danken lassen?
Wozu? Er hat doch nichts getan, was nicht seine Pflicht gewesen
wäre.
Da sind wir – wir schauen in den Himmel. Wer steht über uns? Über
uns steht Gott, unser Herr. Es ist seine Schöpfung in die er uns
gestellt hat, seine Erde, die wir pflügen, seine Geschöpfe, die wir
weiden, seine Nahrung von der wir satt werden, sein Schutz unter dem
wir stehen, sein Name, dem wir dienen.
Unsere Aufgabe heißt: bebaut und bewahrt meine Schöpfung und dient
mir.
Unser Knechtslohn ist: Leben unter dem Segen des Herrn.
Dieses Leben schmeckt manchmal süß und frisch, wie die reife Feige,
und manchmal zäh und trocken, wie das Brot von gestern, doch die
schützende Mauer des Herrn bleibt um uns. Das ist sein Segen, auf
den wir vertrauen.
Da sind wir – wir schauen in den Himmel. Was, wenn da niemand mehr
über uns ist? Ich, ein Mensch, bin selbst der Herr. Die Welt, was
darauf wächst und lebt, all das ist mein. Was stört es mich, wie
viel ich aus der Erde hole, was kümmert es mich, wie viel Vieh ich
schlachte, ich sitze am Herrentisch. Gott? Wer ist schon Gott. Ein
Fantasiegebilde, das es nur gibt, weil ich es will. Danken sollte
mir Gott, dass ich ihn erfunden habe.
Und dann bricht die Nacht herein, in der Kammer wird es dunkel – bin
ich auch der Herr über die Nacht?
Herren über die Welt, das wären wir manchmal gerne. Doch es birgt
Gefahren, denn wir Menschen tun uns schwer mit unseren Grenzen, und
wo wir sie nicht achten, sind wir fähig Zerstörung zu hinterlassen,
deren Folgen wir nicht tragen können.
Wir wollen Erdöl haben – doch wer reinigt Meer und Strände, wenn das
Tiefseebohrloch leckt?
Wir wollen billig Fleisch essen – doch wer erfindet ein
Antibiotikum, das noch wirkt?
Wir wollen schön und reich und gesund sein – doch wer schaut uns
noch an, wenn wir auf andere angewiesen sind?
Es ist oft erst der Tod, der uns darauf zurückwirft, dass wir eben
nicht die Herren der Welt sind. Dass Gott aber nicht nur der Herr
über den Tod, sondern auch der Herr des Lebens ist, dafür haben wir
oft keinen Blick.
Jesus lehrt seine Jünger, lehrt uns, mit seinem Bildwort Demut.
Nicht den hörig gesenkten Büßerblick zur Erde, sondern eine Demut
aufrechten Hauptes. Mit dem Blick zum Himmel sollen wir wissen, wer
unser Herr ist. Kein Herr jedoch der Kleinmacherei, sondern ein Herr
der Großmacherei. All sein Gut, seine ganze Schöpfung, vertraut er
uns an. Wir sollen sie bebauen und bewahren, wir sollen sie auch
fördern und entwickeln, immer in dem Wissen, dass es nicht unser
Eigentum ist, sondern Gottes. Vor ihm sind wir verantwortlich für
das was wir tun.
Wir gehen dabei nicht leer aus. Unser Leben steht unter seinem
Segen, wo wir ihn spüren, sollen wir Gott danken und loben – Gottes
Dienst feiern – wo wir ihn vermissen, sollen wir zu Gott rufen und
um seinen Schutz bitten.
Demut ist somit die Fähigkeit, sich selbst in Relation zu Gott
setzen zu können. Wer Gott als seinen Herrn anerkennt, der sieht
auch seine Grenzen. Keine einengenden Grenzen, sondern heilsame
Grenzen. Diese Grenzen gibt es nicht, weil Gott das so wollte,
sondern sie sind uns faktisch qua unseres Menschseins gegeben. Wir
Menschen sind begrenzte Wesen. Gott begrenzt uns also nicht, sondern
lässt uns unsere faktischen Grenzen erkennen, bevor wir sie
überschritten haben und daran gescheitert sind.
Nützt uns also unser Glaube an Gott? Durchaus, nämlich zum Leben.
Der Blick auf Gott dient dazu, unseren eigenen Platz in dieser Welt
zu finden. Wer Gottes Größe anerkennt und seine eigene Größe
entsprechend in Relation dazu setzen kann, wird frei zu der Demut,
lebenswert und lebensbringend zu leben.
Knechte sind wir darum, ob wir treu wie die Jünger, eifrig wie
Paulus oder mal schlecht mal recht, wie Menschen eben, sind.
Knechte, die einen guten und weisen Herrn haben, in dessen Hände sie
ihr Leben legen können, getrost, dass auch in der Dunkelheit der
Nacht sein schützender Segen uns umgibt. Unser Knechtsein ist die
Freiheit und die Größe zu einer Demut, die uns unsere heilsamen
Grenzen erkennen lässt.
An Gott zu glauben ist somit durchaus eine gute und nutzbringende
Wahl. Zwar bekommen wir alle den selben Knechtslohn, doch wozu mehr
als Leben unter dem Segen des Herrn?
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 21.02.11