Nicht das Spektakuläre ist das Wunder
Predigt am Sonntag Reminiscere - 20. März 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Matthäus 12, 38-42
Liebe Schwestern und Brüder,
die Folgen der Katastrophen in Japan nehmen immer dramatischere
Ausmaße an. Angst und Schrecken vor durch den Menschen nicht
beherrschbaren Gewalten und eines weiterhin drohenden nuklearen-GAUs
sind weltweit spürbar.
In allen Medien kommen uns die Bilder und Nachrichten nahe: das
unfassbare Leid der Opfer von Erdbeben und Tsunami, die drohende
atomare Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, von der Millionen
Menschen bedroht sind.
Elisabeth Hübler-Umemoto, Pfarrerin der Evangelischen Kirche von
Westfalen, ist seit August 2003 von der Evangelischen Kirche in
Deutschland als Auslandspfarrerin nach Tokio entsandt. Sie ist mit
einem japanischen Theologen verheiratet.
Sie schreibt zur aktuellen Situation in Japan:
„Der Prediger Salomo fällt mir ein: alles ist eitel und ein
Haschen nach Wind.
Die Parameter verschieben sich. Das eigentlich Wichtige sind die
anderen Menschen, sind die Beziehungen, der direkte Kontakt, das
miteinander Teilen von Gedanken, Gefühlen, das Sich gegenseitig
erzählen, wie es mir ergeht.
Und dennoch machen wir weiter, tun, was uns aufgetragen ist und
beten um die Gegenwart Gottes, die uns Kraft und Gelassenheit gibt.
Begeben uns in die Obhut des Unverfügbaren. (…)
Mehr haben wir nicht: Beten und tun, was uns aufgetragen ist.
Mehr nicht, aber das ist nicht wenig.“
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Der Predigttext steht bei Matthäus im 12. Kapitel:
Darauf antworteten einige der Gesetzeslehrer
und Pharisäer und forderten: „Lehrer, wir wollen von dir ein Wunder
sehen, das eindeutig beweist, dass du von Gott beauftragt bist!“ -
Jesus erwiderte: „Diese böse Generation, die von Gott nichts wissen
will, verlangt einen Beweis, aber es wird ihr keiner gegeben werden
- ausgenommen das Wunder, das am Propheten Jona geschah: Den Beweis
werden sie bekommen! So wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch
des Seeungeheuers war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und
drei Nächte in der Tiefe der Erde verborgen sein.
Am Tag des Gerichts werden die Bewohner von Ninive aufstehen und
diese Generation schuldig sprechen; denn als Jona sie warnte, haben
sie ihr Leben geändert. Und hier steht ein Größerer als Jona!“
Gott, segne unser Reden und unser Hören.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Gott, wir wollen von dir ein Wunder sehen, das eindeutig ist, das
zeigt, dass du die Macht hast im Himmel und auf Erden!“ So wünschen
wir uns es angesichts der Bilder von Zerstörung, vom Leid der
Menschen, ausgelöst durch Erdbeben und Tsunami. So erhoffen wir es
angesichts der Bedrohung einer furchtbaren atomaren Katastrophe.
„Wie kann Gott das zulassen – er muss doch eingreifen und ein Wunder
tun!“ Manchmal ist dieser Ausspruch nur zu verständlich, aber
manchmal ist er auch gar nicht berechtigt. Erst aus menschlicher
Überheblichkeit den Karren in den Dreck fahren, die Zerstörungen von
vielen tausend Leben als Restrisiko abzutun und dann, wenn die
Katastrophe droht zu rufen: „Wie kann Gott das zulassen!“ – das geht
nicht. Wir Menschen müssen uns vorher die Frage stellen, ob alles,
was technisch möglich ist, auch vor Gott und den Menschen
verantwortbar ist und nicht, wenn wir den Profit vor die Sicherheit
stellen, plötzlich nach Gott rufen, dessen Stimme wir vorher
geflissentlich überhört haben.
„Kannst du nicht schnell ein Wunder tun?“ Diese Frage wurde auch
Jesus gestellt, allerdings damals, um ihn reinzulegen, um ihn aufs
Glatteis zu führen. Jesus soll ein Wunder tun - und dann würden die
Menschen ihm glauben. Das hat schon der Teufel von Jesus gewollt,
damals bei der Versuchung in der Wüste. Jesus soll sich von der
Zinne des Tempels stürzen und unversehrt bleiben, Jesus soll Steine
in Brot verwandeln ... Heute sagen wir: Gott soll dies oder das tun,
dann glauben ich auch ihn. Aber so funktioniert es nicht mit dem
Wunder. Es ist in der Tat ein Teufelskreis: Gäbe es ein „Wunder“,
würden die Menschen schnell einen Grund finden, warum dieses Wunder
gar keines sei, warum Gott gar nicht dahinter stecken könnte, sie
würden ein noch größeres verlangen, dieses wiederum würde wieder
hinterfragt usw. Menschen lassen sich nicht überzeugen, wenn sie
sich nicht überzeugen lassen wollen. Am wenigsten durch Wunder.
Menschen glauben, was sie glauben wollen, daran ändern auch
sogenannte Wunder nichts.
Jesus bringt das Beispiel des Jona. Was war dieses besondere Wunder,
das Jesus als einziges gelten lassen will? Es heißt in Jona 1,14:
„Und als Jona anfing in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagesreise
weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch 40 Tage, so
wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und
ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, groß und klein, den Sack
der Buße an.“
Das war das Wunder: Jona hat im Namen Gottes zur Umkehr aufgerufen -
und die Menschen haben ihm tatsächlich geglaubt und sich radikal
geändert. Das ist das Spektakuläre für Jesus: Dass Menschen sich in
ihrem Herzen ändern. Dass sie von einem schlechten Weg ablassen und
einen guten Weg einschlagen. Dazu braucht es Umkehr im Innern, nicht
ein äußeres Wunder. Und dazu braucht es Augen, die ein wirkliches
Wunder erkennen.
Nicht das Spektakuläre ist das Wunder, sondern im Alltäglichen
geschieht das Wunderbare - wenn wir es denn richtig sehen lernen.
Dazu diese kleine Geschichte:
Zwei Farmer, die weit auseinander wohnten, hatten sich verabredet:
Wir treffen uns dann und dann an einem bestimmten Ort. Beide hatten
zu diesem ihrem Treffpunkt einen weiten Ritt durch unbewohntes
Steppenland zurückzulegen. Als sie schließlich am Ziele trafen,
sagte der eine: „Denk dir, was ich unterwegs erlebt habe! Beinahe
wäre ich gar nicht hier angekommen. Auf dem Wege hierher scheute
plötzlich mein Pferd und warf mich in hohem Bogen ab. Gott sei Dank
aber ist mir nichts passiert. Aber als ich aufstand, da durchfuhr
ein Schrecken alle meine Glieder. Denn nur ein paar Schritte weiter,
und ich wäre in eine tiefe Schlucht gestürzt. Ich bin gleich auf die
Knie gefallen und habe Gott dafür gedankt, dass er mich auf so
wunderbare Weise vor dem sicheren Tod bewahrt hat.“
Der zweite Farmer antwortete darauf: „Wenn ich das höre, muss ich
sagen: Ich habe Gottes Hilfe noch viel wunderbarer erfahren als du.
Mein Pferd hat mich auf dem Weg hierher überhaupt nicht abgeworfen.
Es hat mich ganz ruhig und sicher ohne jeden Unfall getragen. Ich
bin in überhaupt keine Gefahr geraten. Wenn ich daran denke, was
alles hätte passieren können ...“ (Hoffsümmer, Kurzgeschichten 3,
No95 S.66)
Das Wunder des Jona: Er predigt die Umkehr, und die Menschen kehren
um. Manches ist so einfach, dass es schon besonderer Augen bedarf,
es wahrzunehmen. „Stell dir vor, es ist Krieg – und keiner geht
hin.“ „Stell dir vor, Energiesparen, Herunterfahren des eigenen
Lebensstils wird notwendig – und alle manchen mit.“ Wenn das klappt,
wäre das nicht „wunderbar“?
Aber es gibt ja auch noch eine andere Geschichte, die wir vielleicht
eher mit Jona in Verbindung bringen und die viel aufregender zu sein
scheint; bei Jesus jedoch ganz im Schatten der ersten steht:
Auf dem Weg nach Ninive wurde der Prophet bei einem Seesturm von
einer ihm feindlich gesonnenen Schiffsbesatzung über Bord geworfen
und hatte ein Erlebnis der besonderen Art: Jona wurde von einem
Seeungeheuer verschluckt und verbrachte 3 Tage im Bauch dieser
Kreatur, ehe er wieder von diesem Untier unversehrt an Land gespuckt
wurde. Nicht um die märchenhaft überhobene Darstellung dieser
Geschichte geht es in Matthäus 12. Diese 3 Tage im Bauch sind
vielmehr ein Hinweis auf Jesu Tod und seine Auferstehung nach drei
Tagen. Das ist das Wunder, dies das Zeichen: Bei Gott ist kein Ding
unmöglich. Gott rettet sogar aus dem Tod. Dafür steht Jesus. Dafür
ist er gestorben und auferstanden. Da, wo Menschen dies annehmen,
daran glauben, daraus ihre Hoffnung beziehen und sei es gegen alle
Vernunft, gegen alle Hoffnungslosigkeit - da geschieht das Wunder:
Menschen denken um und finden einen neuen, hoffnungsvollen Weg.
Wir erwarten sooft die Hilfe ganz woanders her. Außerhalb unser
selbst. Wir meinen, es müsse so ein Wunder oder Zeichen geben, dass
mit einem Schlag alles vor Glück strahlt. Der Glaube an Gott, den
Retter aber sagt: schau, es liegt an dir, dass ein Wunder geschieht.
Lerne das richtige Sehen. Nicht, was andere tun und sagen ist das
Entscheidende, sondern das, was Gott dir selbst zu dir sagt. Dass er
vor, über und in allem ist. Dass alles von der Kraft der Hoffnung,
durchdrungen ist. Dass wir Menschen diese Kraft in uns tragen. Wir
können anderen zu Hoffnungsbringern werden, wenn wir einfach unseren
von Gott geschenkten und befreiten Mund aufmachen und sagen: „Höre
auf, in die falsche Richtung zu laufen, glaub an Gott und an die
Kraft, die in der Auferstehung aus jedem Tod steckt.“ Oder wir
können wie die Menschen in Ninive sein, die einfach sagen: „Ja, das
stimmt ja, was dieser Prophet sagt. Ich kehre freiwillig um, jetzt
noch, heute noch und beginne ein neues Leben.“
Wunder können so einfach sein.
Es bedarf nur der Augen, sie zu sehen.
Sie geschehen - auch mitten unter uns
Sie geschehen - in dir und in mir.
Dann, wenn wir den Weg, den wir als richtig erkennen, auch gehen.
Wenn wir ihn gehen - und nicht mit dem Finger auf andere, manchmal
sogar auf Gott – zeigen, sondern selbst gehen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 20.03.11