Wieder aufwachen
Predigt am Gedenktag der Reformation - 31. Oktober 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe, Mt.10,26-33
Friede sei mit euch und Gnade durch Jesus Christus, unsern Herrn.
Amen.
Ein Pfarrer in England, liebe Schwestern und Brüder, trat seinen
Dienst in seiner neuen Gemeinde an. Zwei Monate lang predigte er vor
fast leeren Bänken und auch die paar Anwesenden zeigten kein
überragendes Interesse. Kalte Gleichgültigkeit, das war die
allgemeine Stimmung unter den Menschen.
Schließlich erschien in der Tageszeitung eine Todesanzeige. Sie
lautete: "Mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns meldet Pfarrer Wright
den Tod der Kirche St. Francis in Yonderton. Die Bewohner von
Yonderton sind hiermit herzlich eingeladen, an der Trauer- und
Gedächtnisfeier teilzunehmen, die am Sonntag um 11 Uhr
statt-findet."
Liebe Schwestern und Brüder, auch ich habe Verständnis für ein
solches Inserat. Nicht, weil etwa die Gottesdienste hier in Bad
Lippspringe zu schlecht besucht wären. Nein, der ist ja
vergleichsweise noch ganz gut. Es ist vielmehr die Einstellung
vieler zu der Kirche, die mir Sorgen macht. Und die ist einfach
geprägt durch totale Gleichgültigkeit. Alles ist doch langweilig,
„uncool“, weltfremd, reißt doch keinen mehr vom Hocker. Christlicher
Glaube als Gewohnheit. Nicht mehr.
Wenn überhaupt kennt man Kirche aus den Schlagzeilen der Presse,
regt sich auf über die Skandale, das viele verprasste Geld, die
schlechten Strukturen oder auch die zu große Nähe zum Vater Staat.
Heute, zum Reformationstag ist als Predigttext ein Teil der
Aussendungsrede Jesu vorgeschlagen. Er steht im Matthäusevangelium
im 10. Kapitel:
"Jesus sprach zu seinen Jüngern: Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht. Ihr seid besser, als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor dem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor dem himmlischen Vater."
So also hat sie angefangen, die Geschichte der Kirche, liebe Schwestern und Brüder. Mit einem "Fürchtet euch nicht." Und es ist kein Zufall, dass ein solcher Text am Reformationstag vorgeschlagen wird, denn genau solche Bibelstellen waren es, die Martin Luther am Leben erhielten, die seinen Geist und seine Seele bestimmten. Auch zu seiner Zeit waren die Christen und Christinnen in Aufruhr. Zu viele Schreckensbilder aus der Bibel hatten sie in Angst versetzt und zu viel Unsicherheit darüber, was denn nun mit ihnen wird nach dem Tod und auch jetzt schon, um Leben herrschten überall. Und dem Mönch Martin wird klar, dass das nicht das gute Evangelium sein kann, dass das nicht der liebende Gott und Vater ist, sondern einzig und allein der Racheengel, der in den Köpfen der Menschen spukt und sie mit Angst klein hält.
Und so sucht er nach den anderen Stellen in der Bibel. Er sucht nach der Verkündigung Jesu Christi und hält sich daran fest, allen Widersprüchen zum Trotz. "Fürchtet euch nicht"
Vielleicht glauben Sie, dass das heute nicht mehr die wichtigste Botschaft ist, weil Sie meinen, es gäbe nicht mehr so viel Furcht unter den Menschen, aber ich denke, sie ist nach wie vor da. Natürlich nicht mehr vor dunklen Geistern, die uns nachts heimsuchen. Unsere Gespenster heute haben andere Namen. Sie heißen zum Beispiel "Versagensangst" oder "Eigensucht" oder "Gewinnstreben" oder "Kälte" oder "Einsamkeit" oder...ach, es gibt viele Namen für diese Dinge, die nicht nur unseren Leib bedrohen, sondern auch unsere Seele. Die uns unsere Zuversicht rauben und uns unruhig machen.
Aktuell denke ich, diese Welle des Hasses gegen Bänker und Geschäftemacher sagt auch etwas über uns aus. Nicht, dass diese Welle unbegründet wäre. Ich muss da gar keinen in Schutz nehmen. Aber dieses skrupellose Gewinnstreben, diese Gier nach immer mehr Geld und Macht und Karriere – das ist doch ein Zeichen unserer Zeit und damit ist es irgendwo auch in uns selbst und wir bekämpfen es lieber bei anderen als das wir uns damit auseinander setzen. Aber warum nicht? Warum fragen wir uns nicht, warum alle Welt nur nach dem Geld hinterher rennt? Warum immer alles etwas bringen muss, nur Wachstum, nur Profit, nur immer Besser-Sein als andere? Vielleicht steckt doch nur eine abgrundtiefe Angst dahinter: Wer schwach ist, verliert. Warum setzen wir uns nicht damit auseinander, wie Martin Luther es mit den Geistern seiner Zeit tat?
Liebe Schwestern und Brüder, zum Glück ist heute am Reformationsfest kein Thema mehr, protestantisches Selbstbewusstsein, was immer das ist, zu demonstrieren, indem wir uns von Katholiken absetzen, im Gegenteil. Wir haben allen Grund, uns gemeinsam neu auf die Ursprünge unseres Glaubens zu besinnen, denn die Kälte und Gleichgültigkeit ist in beiden Konfessionen gewachsen und breitet sich immer mehr aus. Darum gilt uns dieses Jesuswort allen gleichermaßen: Fürchtet euch nicht. Die Botschaft, die zuerst nur geflüstert wird, ist bald auf allen Dächern zu hören. Fürchtet euch nicht vor denen, die euch einreden wollen, Kirche wäre nicht mehr "in". Fürchtet euch nicht vor denen, die meinen, man müsse einen konkreten Gegenwert bekommen, sonst habe man sein Geld aus dem Fenster geworfen und sei ein Dummkopf: die alle können euch nicht wirklich etwas tun. Das Einzige, was ihr fürchten müsst, ist das, was euch Leib und Seele beschädigen kann, was euch krank macht, was euch unruhig und selbstsüchtig und kalt werden lässt. Fürchtet euch auch nicht vor denen „da oben“, einzelnen Pfarrer oder Pfarrerinnen, die euch nicht gefallen. Die Kirche besteht nicht nur aus ihnen, sie besteht aus Jesus Christus und allen seinen Geschwistern.
Das, liebe Schwestern und Brüder ist sicher der Hauptunterschied. Die Kirche ist eben nicht irgendein Verein, in dem man Beitrag zahlt und durch den man auch dafür entsprechende Dienstleistungen bekommt. Wir alle zusammen, alle, die sich an Jesu Wort halten und sich von ihm getragen wissen, wir sind die Kirche.
"Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater."
Es hängt nichts an Äußerlichkeiten. Ob wir einen traditionellen
Gottesdienst feiern oder eine moderne Andacht mit allen medialen
Schikanen, ob wir miteinander singen oder reden oder sogar tanzen,
ganz egal, solange wir uns getragen wissen von Jesus Christus,
solange wir ihm vertrauen, dass er uns nicht fallen lässt, schenkt
er uns die Sicherheit, bei ihm geborgen zu sein. Vielleicht müssen
wir uns das nur wieder öfter sagen, uns aufrütteln lassen aus
unserer Gleichgültigkeit, uns neu zusagen lassen, dass wir keinen
Grund zur Angst haben. Fürchtet euch nicht. Traut euch doch was zu,
sagt doch allen laut -zur Not von den Dächern-, dass euer Heil bei
Gott liegt und nicht in der Anpassung an andere Menschen.
Dann, liebe Schwestern und Brüder, hat auch die Kirche -evangelisch
oder katholisch - wieder Zukunft.
Ach so, vielleicht wollen Sie ja noch wissen, wie die Geschichte vom Anfang ausgegangen ist?
Sie erinnern sich: die Trauerfeier für die tote Kirche. Nun, wie nicht anders zu erwarten, war die Kirche voller Neugieriger. Kein Platz war mehr frei. Nach der Trauerrede forderte der Pfarrer die Menschen auf, von dem Toten, der in einem Sarg aufgebahrt lag, Abschied zu nehmen. Sie sollten dann das Kirchenschiff durch die Osttür verlassen. Sollten aber einige noch der Ansicht sein, eine Wiederbelebung wäre möglich, dann sollten sie durchs Nordportal wieder hereinkommen. Alle machten sich nun mit gemischten Gefühlen auf den Weg zum Sarg. Aber als sie hineinsahen, erkannten sie den toten Christen, der darin lag. Aus einem Spiegel sah einem jeden und einer jeden das eigene Gesicht entgegen. Während die letzten noch zum Sarg gingen, kamen die ersten schon wieder zum Nordportal herein und der Pfarrer feierte mit allen gemeinsam einen Dankgottesdienst.
Ein schönes Ende, nicht wahr? Die Christen und Christinnen waren gar nicht tot. Sie waren nur unterwegs ein wenig eingeschlafen, ein wenig betäubt von der Kälte und Gleichgültigkeit der Welt. Ich wünsche Ihnen und mir, liebe Schwestern und Brüder, ganz besonders zum Reformationstag, dass wir auch wieder aufwachen. Dass uns auch wieder bewusst wird, wie spannend der christliche Glaube ist. Wie sehr er heilen kann von allem Tanz um das Goldene Kalb. Wie er frei machen kann von falschen Rennen um falsche Anerkennung. Wie viel Kraft er verleihen kann, um aufzustehen, zu protestieren gegen die Entwertung aller Menschlichkeit, gegen Unrecht und Unterdrückung – auch in uns selbst.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle menschliche
Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 02.11.11