Des Morgens, wenn du aufstehst
Predigt am 19.Sonntag nach Trinitatis – 30. Oktober 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Markus 1,32-39
Liebe Schwestern und Brüder,
ein ganz wertvolles Gut, die Zeit. Durch die Umstellung von der
Sommer- auf die Winterzeit haben wir 1 Stunde heute Nacht geschenkt
bekommen. Schön, nicht wahr? Wie haben wir sie genutzt?
Wahrscheinlich haben wir sie verschlafen, ist ja auch nicht das
Schlechteste. Der Schlaf ist eine gute Gabe Gottes. Es gibt aber
auch den alten Witz, dass sich jemand den Wecker auf 3 Uhr nachts
gestellt hat, warum? Weil er dann alle Uhren umgestellt hat, denn um
3 Uhr werden ja die Uhren eine Stunde zurückgestellt … Nein im
Ernst, ich kenne auch Leute, die stellen sich im Urlaub morgens früh
einen Wecker, weil sie möglichst viel von der freien Zeit nutzen
wollen, weil das so ein schönes Geschenk ist, endlich ZEIT FÜR SICH
zu haben, eben solche Zeit, die im Alltag viel zu selten vorkommt.
Liebe Schwestern und Brüder: haben Sie sich schon einmal Gedanken
über die richtige Gottesdienst-Zeit gemacht? Vielen ist der frühe
Sonntagmorgen nicht mehr zeitgemäß. Ich habe noch gelernt, der
klassische Gottesdiensttermin am Sonntagmorgen stammt aus der Zeit
der Frühfütterung des Viehs. Doch wer ist davon schon unmittelbar
betroffen! Deshalb seien heute - im Zeitalter der
Samstag-Abend-Spätfilme - andere Termine sinnvoller. Samstagabend,
Sonntagnachmittag oder auch in der Woche. Heute bin ich mir da gar
nicht so sicher. Gibt es nicht auch einen inneren, tieferen Grund
für einen Gottesdienst am frühen Morgen? Ist nicht eigentlich der
Sonntag deshalb der Feiertag für die Christen, weil damit der Tag
der Auferstehung gefeiert wird - und die war doch am frühen Morgen?
Gemeinschaft zu erfahren, Ruhe zu finden, Gott zu spüren ohne etwas
anderes vorher getan zu haben, ohne Lärm, ohne Hektik in aller
Behutsamkeit - ich lebe das in der Adventszeit in den Frühschichten
um 6.00 Uhr morgens. Da kommen freiwillig 30 Menschen. Und die
kommen gern, weil sie Ruhe finden und Kraft für einen ganzen Tag
schöpfen können.
Vielleicht lässt sich so etwas nur an einem frühen Morgen erfahren.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber nach einem halben oder
ganzen Tag Aktivitäten, Gesprächen, Ärger, Telefonaten, Besuchen,
Alltag im Haushalt schnell noch ein bisschen Glauben tanken - ich
kann das nicht. Ich kann nicht einfach so umschalten auf Knopfdruck.
Ich brauche auch eine innere Vorbereitung für die Stärkung meines
Glaubens.
Deshalb meine ich: Das Gebet am frühen Morgen - nicht immer, aber
immer öfter. Eine Einladung dazu, ein Plädoyer für ein frühes
Zusammenkommen in aller Ruhe, im Frieden des beginnenden Tages: das
sagt mir der Predigttext von heute. Ich lese aus Markus 1:
„Am Abend aber, als die Sonne untergegangen
war, brachten sie zu Jesus alle Kranken und Besessenen. Und die
ganze Stadt war versammelt vor der Tür: Und er half vielen Kranken,
die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse
Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn.
Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er
ging an eine einsame Stätte und betete dort. Simon aber und die bei
ihm waren, eilten ihm nach. Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu
ihm: „Jedermann sucht dich.“ Und er sprach zu ihnen. „Lasst uns
anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort
predige; denn dazu bin ich gekommen.“ Und er kam und predigte in
ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.“
So ist die Szene: In einem kleinen orientalischen Dorf wird es
Nacht. Der Sabbat ist vorbei. Schlagartig setzt große Geschäftigkeit
ein. In der Dunkelheit kommen plötzlich von allen Seiten Kranke. Sie
werden herbeigeschleppt, herbeigetragen. Und Jesus heilt sie. Einen
nach dem andern. Er schaut sie an, doktert nicht an Symptomen herum,
sondern macht sie im eigentlichen Kern heil: Er treibt die bösen
Geister aus, macht die Menschen innerlich heil und hell und glänzend
und alle Krankheit verliert ihren Schrecken...
Viel zu tun hat Jesus in dieser orientalischen Nacht in dem kleinen
Dorf Kapernaum. Man lässt ihm keine Ruhe, denn niemand will sich die
Chance entgehen lassen. Alle haben nur den einen Wunsch: Hauptsache
gesund!
Nach getaner Arbeit könnte sich Jesus eigentlich Ruhe gönnen. Jeder
hätte Verständnis. Aber noch vor Sonnenaufgang ist Jesus wach. Wie
immer. Er geht an einen stillen Ort und verrichtet - wie jeden
Morgen - seinen Schachrit, die nach der Schacha, der „Morgenröte“,
benannten Gebetsandacht. Wir kennen sie noch heute als Laudes, als
Morgengebet, aus den Klöstern.
Wieder einmal sind seine Jünger entsetzt. Dass Jesus regelmäßig als
frommer Jude betet, ist ja nicht ungewöhnlich. Aber heute, wo er die
Chance seines Lebens hätte, er, der arme Wanderprediger Jesus von
Nazareth, mit einem Schlag eine Berühmtheit zu werden und noch viel,
viel mehr Menschen zu helfen - da zieht er ein schlichtes
Morgengebet vor. Und dann gibt er den Befehl zum Aufbruch. Hier, wo
er Karriere machen könnte, bleibt er nicht. Er geht in unbekannte
Dörfer.
Was ist wirklich wichtig? Nicht: Hauptsache gesund. Nicht: Heilung
und weiter geht es in der Hektik des eigenen Lebens. Auch nicht: Um
jeden Preis die Bedürfnisse nach Heilung bei anderen zu stillen.
Wichtiger ist: Zeit für Gott zu haben. Es ist schon wichtig, womit
ich meinen Tag beginne. Unsere Vorfahren wussten davon noch, aber
auch sie haben es ja auch eigentlich oft vergessen, nicht immer
gemacht und weitergegeben. Ich lese in unserem Gesangbuch S.1395
Nr.863: „Jeden neuen Tag empfangen wir bewusst aus Gottes Hand, wenn
wir ihn am Morgen anrufen.“ Und dann folgt Luthers Morgensegen, der
aber SO anfängt: „Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich
segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen: Das walte
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.“ Was ist das erste, wenn
wir aufstehen - bekreuzigen wir uns, ist der erste Gedanke ein Gebet
an den dreieinigen Gott - oder nicht das Gequäkte des Radioweckers,
die Unlust, nicht länger schlafen zu können, die Gedanken an den
Alltag ?? Die Zeitung am Morgen statt des Morgensegens, Tagesbeginn
mit Alltäglichkeiten, dieselbe Hektik, derselbe Ärger, dieselben
Gedanken mit denen man abends eingeschlafen ist...
Dagegen ist ein Schachrit, eine Laudes, ein Frühgottesdienst, ein
Vaterunser als wirklich ERSTES des Tages eine Medizin zur Heilung.
Das ist so, weil Gott in der Stille zu uns spricht. Und die beste
Zeit der Stille ist eben kurz vor dem Tagesanbruch. Wer Gottes
Stimme hören will, sucht sie vergeblich im Lärm und in der
Geschäftigkeit. Der muss dorthin, wo Stille ist. Und der muss dann
hören, wenn es noch in einem selbst still ist. Auch dafür die beste
Zeit die Stille kurz vor dem Tagesanbruch. Sicher ist der
ausreichende Schlaf für den Menschen unbedingt wichtig für seine
Gesundheit. Aber das frühe Gebet ist - glauben Sie mir - mindestens
so wichtig. Und gerade in Zeiten großer Anforderungen, die einen Tag
für Tag auszufressen drohen.
Martin Luther, er sei hier noch einmal zitiert, gab einmal sinngemäß
folgenden Rat: „Manchmal weiß ich selbst nicht wo mir der Kopf steht
bei so viel Bittstellern, Drohungen meiner Gegner, häuslichen
Belastungen, dem vielen Lesen und Schreiben. Wenn es dir so geht,
mache es wie ich: Wenn ich gar nicht weiß, wo ich zuerst anfangen
soll, welches Loch ich zuerst schließen, welches Problem ich zuerst
angehen soll, setze dich hin, schließe die Augen, komme zu Ruhe und
bete. Ein Vaterunser, noch eines, einen Psalm. Das ist dann das
Wichtigste. Und dann stehe auf, gehe hin und beginne deine Arbeit.
Du wirst sehen: Eines ergibt sich aus dem anderen.“
Ich wünsche Ihnen, uns allen, eine friedliche, ruhige Zeit, weiter
in diesem Gottesdienst, an diesem Sonntag, der für die Erholung so
wichtig ist und es unbedingt auch bleiben muss, an jedem Tag, der
uns geschenkt ist. Ich wünsche Ihnen an jedem Morgen den Moment der
Stille und des Denkens an Gott, damit es in Ihnen heil wird und heil
bleibt und Sie Ihr Tagewerk nicht auffrisst. Das ist wirklich
wichtig und ein Schlüssel zu einem Gesunden der Seele, die so frei
wird für Gottes heilbringendes Wort.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.10.11