Kein entweder-oder
Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis - 4. September 2011
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
III. Reihe: Matthäus 21, 28-32
„Solange man beunruhigt ist, darf man beruhigt sein.“ So lautet ein
Zitat des Hochschullehrers, Vielreisenden und Schriftstellers Julien
Green, der Zeit seines Lebens – und immerhin waren das 98 Jahre -
auf der Suche nach Gott blieb. 1949 schreibt er in sein Tagebuch:
„Solange sich in uns Protest gegen uns selbst regt, besteht noch
Hoffnung. Nur wenn man sich akzeptiert, ist die Suche verloren.
Anders gesagt (wollte ich ein Wortspiel machen): Solange man
beunruhigt ist, darf man beruhigt sein.“
Hört sich das schwierig und kompliziert an, liebe Gemeinde?
Eigentlich ist es das nicht, bei näherer Überlegung. Andererseits,
das Gleichnis Jesu, das sich so einfach und verständlich anhört, ist
eigentlich furchtbar ärgerlich und kompliziert.
Dabei ist es doch direkt aus dem Alltag aller Eltern, besonders
aller Eltern von pubertierenden Kindern, übernommen.
Wie denkt ihr über folgenden Fall? Ein Mann
hatte zwei Kinder. Er kam zum ersten und sagte: ›Mein Kind, geh’
heute und arbeite im Weinberg. Der Junge antwortete: ›Ich will
nicht.‹ Später tat es ihm leid und er ging.
Der Vater kam zum zweiten und sprach genauso. Dieser Junge
antwortete: ›Ja, *Herr‹, aber er ging nicht. Wer von beiden hat den
Willen des Vaters getan?« Sie antworteten: »Das erste Kind.« Jesus
sagt zu ihnen: »Wahrhaftig ich sage euch mit allem Ernst: Die
Zöllner und die Prostituierten werden vor euch in Gottes Welt
gelangen.
Johannes kam zu euch mit der Praxis der Gerechtigkeit, und ihr habt
ihm nicht geglaubt. Die Zöllner und die Prostituierten haben ihm
geglaubt. Und ihr – obwohl ihr das gesehen habt – seid doch nicht
umgekehrt, um ihm endlich doch zu glauben.
(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)
Genau, bockige Kinder kennen wir alle und auch Menschen, die
Versprechen geben und das hinterher nicht halten. Ganz einfach. Und
uns allen ist wohl derjenige lieber, der etwas tut, obwohl er erst
abgelehnt hat, als derjenige, der uns das Blaue vom Himmel
verspricht und nichts passiert.
Vertrautes Terrain.
"Ah, natürlich die religiösen Führer". Jesus diskutiert hier mit den
Hohepriestern und Ältesten. Und seine Kritik deckt sich doch so gut
mit dem Zorn oder Misstrauen, oder schlimmer der Langeweile, das
manche Menschen heutzutage empfinden, wenn sie an die
Glaubensverkündigung und die Thesenpapiere der Kirchen denken. Jesus
legte sich mit Hohepriestern und Ältesten des Volkes an und wies sie
in die Schranken. So würde er heute bestimmt auch mit den
Funktionären und Oberkirchenräten umgehen. Wir stimmen der Rede Jesu
gern zu und schlagen uns auf seine Seite. Endlich mal einer, der das
ausspricht, was alle denken.
Gegen Großredner und Besserwisser, die so genau erklären können, was
ein rechter Christ zu tun und zu lassen hat, die über Menschen
urteilen und selbst Gottes Willen missachten, ohne sich dessen
bewusst zu sein.
Die Ältesten und Hohepriester zur Zeit Jesu waren davon überzeugt,
Gottes Willen zu entsprechen. Mit großem Ernst beachteten sie ja
alle Verbote und Weisungen - und machten sich mit ihrer Frömmigkeit
zum Maßstab für andere. In der irrigen Annahme, ihr Urteil gründe
sich auf göttliches Gesetz, legten sie fest, wer zu ihrer
Gemeinschaft gehörte und wer nicht. Zöllner und Prostituierte waren
eben ausgeschlossen.
Achtung - wir betreten gerade sehr ausgetretene Pfade! Woher nehmen
wir denn heute das Recht, darüber die Nase zu rümpfen! Und - können
Sie von sich sagen, dass Sie Ihre Mitmenschen nicht nach Ihrem
eigenen religiösen und moralischen Wertesystem beurteilen? Ich
fürchte, ich mache das öfter, als mir bewusst wird. Mit all den Ab-
und Ausgrenzungen, die daraus erwachsen. Aber vielleicht liebt Gott
gerade die anderen!
Jesus bezieht sich auf Johannes und dessen „Praxis der
Gerechtigkeit“, die von den religiösen Führern abgelehnt wurde. Aber
was steckt hinter dieser „Praxis der Gerechtigkeit“? Die Predigt des
Johannes war klar und deutlich:
Tut Buße, so übersetzt Luther.
„Kehrt um! Das Königtum der Himmel, Gott, ist nahe“.
Kehrt um. Aber warum sollte ich umkehren, wenn men Leben in guten
und ruhigen und richtigen Bahnen verläuft? Weshalb sollte ich Buße
tun, wenn doch die Anderen, die Reichen, die Andersgläubigen, die
Mächtigen, die politischen und religiösen Führer, es viel schlimmer
treiben als ich?
„Solange sich in uns Protest gegen uns selbst regt, besteht noch
Hoffnung.“, schreibt Julien Green in sein Tagebuch. Solange es sein
könnte, dass ich selbst nicht Maßstab der Dinge bin, dass ich mich
irre, dass auf einen falschen Weg geraten bin, solange es in mir
selbst ein Bewusstsein für diese Fragen gibt, eine Unruhe, eine
Suche, besteht Hoffnung.
Niemand ist berechtigt, sich auf seine Frömmigkeit etwas
einzubilden. Das sagt der Bibeltext. Vielleicht liebt Gott gerade
die anderen, das lebt Jesus, der gerade die Gemeinschaft der
Ausgegrenzten, Verachteten, Verwundeten und Armen suchte. Er steht
zu den Nein-Sager und Ja-Tuer, denn sie sind es, die Gottes Willen
erfüllen.
Vielleicht liebt Gott gerade die anderen.
Für mich bedeutete dieser Satz gleich zwei große Entdeckungen.
Einmal: Die Gemeinschaft der Kinder Gottes ist nicht die bequemste.
Sie bringt mich zu den Leuten, die ich für eine Zumutung halte und
sie verlangt De-Mut, den Mut nämlich, nicht meine Gerechtigkeit,
sondern das Recht Gottes anzuerkennen.
Die Hoffnung auf Gottes gerechte Welt, Gottes Kommen und Gottes
Nähe, verändert die Gegenwart der Menschen.
Also: wendet euch Gott zu, bleibt in Bewegung und auf der Suche.
Seid euch nicht zu sicher, nicht zu vollmundig. Nachfolge verträgt
keinen Stillstand.
Und: Vielleicht liebt Gott gerade die anderen: Das heißt ja nicht,
daß er mich nicht liebte. Das bedeutet kein entweder-oder.
Vielleicht liebt Gott gerade die anderen, die Zöllner, Huren, die,
mit denen wir es schwer haben und eben auch uns.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 06.09.11