Erwählung
Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis - 28. August 2011
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
III. Reihe: Exodus 19, 1-6
Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war, der da ist und
der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
das erste Gebot, kennen Sie das- gut? Keine Angst, ich mache jetzt
keine persönliche Befragung, es werden auch keine Konfirmationen
aberkannt oder hier und jetzt Konfirmandinnen geprüft.
Und überhaupt gibt es auf diese Frage verschiedene richtige Antworten.
Im kleinen Katechismus von Martin Luther lautet das erste Gebot: Ich bin der Herr dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
In der reformierten Tradition des Heidelberger Katechismus lautet das gleiche Gebot so: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." Und so wie in der letzten Fassung finden wir die Worte auch im Alten Testament, in der Thora, im 2. und im 5. Buch.
"Der dich aus Ägyptenland geführt hat"- daran hängt alles
folgende und damit hat das begonnen, was Geschichte des Volkes
Israels ist. Und an dieser Stelle steht auch unser heutiger
Predigttext: zwischen Herausführung und Gabe der Gebote, in der
Wüste und am Berg Sinai.
Ich lese aus dem Buch Exodus, Kap. 19, 1-6
Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug
der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die
Wüste Sinai.
Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai
und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.
Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu
und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten
verkündigen:
Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich
euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.
Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so
sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde
ist mein.
Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk
sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.
Israelsonntag, liebe Gemeinde, so lautet der Name des heutigen Sonntags seit vielen, vielen Jahren. Und lange Jahre standen die Texte für heute unter dem Vorzeichen einer Verwerfung Israels und der Einsetzung der Kirche an die Stelle seiner Erwählung.
Das hat sich geändert- Gott sei Dank. Und so steht seit dem Jahr
2005 in unserer westfälischen Kirchenordnung, gleich im 1. Artikel
der Satz:
"Die Kirche von Westfalen gibt sich ihre Ordnung... im Gehorsam
gegen das Evangelium von Jesus Christus.... Sie tut dies im
Vertrauen auf den dreieinigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen
hat, der Israel zu seinem Volk erwählt hat und ihm die Treue hält,
der in dem Juden Jesus, dem gekreuzigten und auferstandenen
Christus, Menschen zu sich ruft und durch den heiligen Geist Kirche
und Israel gemeinsam zu seinen Zeugen und zu Erben seiner Verheißung
macht."
Und so spricht auch unser Text aus dem Buch Exodus- Auszug- vom
Bundesschluss am Sinai und der bleibenden Erwählung des Volkes
Israel.
"Erwählung"- das Wort mag uns antiquiert scheinen, ist es wohl auch.
Außerhalb der Kirche finden wir es vielleicht noch im Märchen: wenn
der Prinz seine Braut erwählt. Sie wird emporgehoben durch diese
Wahl, in einen neuen Stand versetzt, wird Prinzessin, Königin am
Ende.
Beim Volk Israel und seiner Geschichte bleibt mir manches am Wort
Erwählung im Halse stecken. Ausgesucht, um verfolgt, verdrängt und
vertrieben zu werden. Das ist die Geschichte des Volkes Israel bis
zur Shoah.
Und Volk Israel und Staat Israel und Palästina- wie können wir damit umgehen, mit unserer Geschichte?
Vielleicht erst einmal, indem wir behutsam sind. Auf Argumente hören, beider Seiten. Und immer wieder Tische schaffen, an denen viele sitzen können. Wie gut, dass es so etwas wie das Orchester von Daniel Bahrenboim gibt, wo über Nationen hinweg Gemeinschaft herrscht.
Aber am Anfang, da befreite Gott sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten und holte es zu sich, auf Adlerflügeln. Und schließt mit ihm einen Bund.
Hören wir eine Bedingung bei dieser Erwählung, Gottes eigenes Volk zu sein? "Werdet ihr meiner Stimme gehorchen und meine Gebote halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern". Mag sein.
Und warum überhaupt Israel? Gerettet und geliebt?
Eine chassidische Antwort lautet: "Gottes Liebe zu Israel, wie
seine Erwählung, sind unergründlich. Menschliche Vernunft kann sie
nicht fassen. "
Und so hält Gott ja über alles Versagen und Untreue hinweg seinen
Bund- den alten wie den neuen Bund, den Bund mit Israel und mit den
Völkern, mit uns.
Liebe Gemeinde,
das erste Gebot, kennen Sie das- gut? Das habe ich Sie zu Anfang
gefragt. "Ich bin der Herr dein Gott. Ich bin der Herr dein Gott,
der dich aus Ägyptenland geführt hat."
Die Geschichte des Volkes Israel ist nicht unsere Geschichte. Aber dass der Gott Israels auch mit uns Geschichten schreibt und mit uns unsere Geschichten lebt, dass er uns in die Freiheit führt und seinen Bund mit uns schließt, das gilt auch.
Martin Luther sagt dazu: "Du bist mein Gott, unser aller Gott und
zugleich unser Schöpfer, der zwar die Kinder Israel aus Ägypten
geführet hat, mich aber nicht; sondern mich hast du aus meinem
Ägypten und aus meinem Elend geführet."
Von unserem Ägypten, von meinem, von deinem, von Ihrem Ägypten,
davon wissen wir alle, jeder und jede von uns.
Gott führt uns dort hinaus, das hat er schon getan und das tut er wieder.
Nicht immer den geraden Weg, den wir uns wünschen. Auch wir müssen durch Wüsten gehen, sorgen uns um den morgigen Tag, wir verzagen- aber wir gehen weiter, weil Gott uns versprochen hat, bei uns zu sein.
Wir sind unterwegs durch helle Tage und durch dunkle Nächte, unterwegs mit der Last von Bedrückung und Schuld, aber auch mit dem leichten Gepäck der Hoffnung.
Weil Gott treu ist. Weil er auch uns tragen will auf Adlerflügeln. Weil auch wir- mit Israel- zu ihm gehören. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.11.11