An Christus zu glauben, ist die Kunst, dass wir aus dem Haus in die Sonne gehen
Predigt am Gedenktag der Reformation, 31. Oktober 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II. Reihe: Römer 3, 21-28
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
Der Predigttext steht im Römerbrief im 3.Kapitel:
„Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die
Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das
Gesetz und die Propheten.
Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den
Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und
ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden
ohne Verdient gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch
Christus Jesus geschehen ist.
Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut
zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die
früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser
Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und
gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches
Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz
des Glaubens.
So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des
Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“
Soweit unser Predigttext. Gott segne dein Wort an uns allen.
Amen.
Können Sie, liebe Schwestern und Brüder, besonders liebe
Jubelkonfirmandinnen und Konfirmanden, gut Lob ertragen? Wenn ich
jetzt jemanden persönlich ansprechen würde und sage, dass Sie ganz
besonders geschmackvoll gekleidet sind oder dass Sie einfach so, wie
Sie sind, genau richtig sind und eine sympathische, besonders
liebenswerte Person!? Als junger Mensch ist man bei solchen
Gelegenheiten rot geworden bis über die Ohren und auch als
Erwachsener kann einem das noch so gehen. So in aller Öffentlichkeit
gelobt werden, komischerweise ist einem das oft peinlich. Warum
eigentlich? Anerkennung zu erfahren, Wertschätzung ausgesprochen zu
bekommen, das ist doch etwas, was wir zum Leben brauchen, was uns
gut tut, uns Selbstwertgefühl verleiht – aber wenn wir es bekommen,
dann haben wir Probleme damit.
Und besonders dann, wenn dieses Lob scheinbar grundlos ist. Gut,
wenn wir eine besondere Leistung erbracht haben und dafür eine
Auszeichnung erhalten, das geht dann oft noch gerade, weil es dann
ja eher einsichtig ist. Aber einfach so für sich selbst gelobt zu
werden, weil man ist, wie man ist – das befremdet irgendwie, das
sind wir auch kaum gewohnt.
Was im zwischenmenschlichen Bereich so ist, das ist im Glauben nicht
anders. Paulus sagt: So halten wir nun dafür, dass der
Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den
Glauben.“ Martin Luther hat in diesem Satz seine sogenannte
„Reformatorische Entdeckung“ erlebt: Mit einem Mal hat er, so
beschreibt er es in seinen Lebenserinnerungen, begriffen, dass Gott
kein strafender, angstmachender Richter ist, sondern ein
barmherziger, gnädiger Freund und Bruder, der die Menschen so
annimmt, wie sie sind. Nicht die guten Taten sind es, durch die wir
uns Gottes Gnade verdienen könnten, Gott schenkt uns vielmehr seine
Gnade ohne Bedingungen. Dazu braucht es nur Vertrauen: und
„Vertrauen“ ist ein anders Wort für „Glaube.“ Es ist also so, als ob
Gott uns vor allen Menschen loben will, einfach so, nicht weil wir
so tolle Menschen sind, sondern weil er uns so annimmt wie wir sind.
Und da haben wir dieselben Schwierigkeiten, diesem Lob „einfach so“
zu trauen.
Martin Luther kannte selbst diese Schwierigkeiten am eigenen Leib.
Er beschrieb dieses Problem, Gottes Gnade einfach so anzunehmen,
folgendermaßen: „An Christus zu glauben,“ – nämlich ihm und seiner
Gnade zu vertrauen – „ ist die Kunst, dass wir aus dem Haus in die
Sonne gehen. Die Sonne lässt er scheinen, aber aus dem Haus gehen,
das musst du schon selber tun!“
Wir sind getaufte Christen. Durch die Taufe hat Gott seinen Bund mit
uns geschlossen. Wir sind seine Kinder und nichts und niemand kann
diesen Bund zerstören. In der Konfirmation haben wir selbst „JA“ zu
diesem Bund gesagt – also auf Gottes JA zu uns die richtige Antwort
gefunden. Natürlich ist es sinnvoll, sich an Gesetz und Ordnung zu
halten. Natürlich sollen wir anständig und ordentlich durchs Leben
gehen. Aber wenn wir da einmal versagen oder versagt haben, dann
fallen wir aus diesem JA Gottes zu uns nicht heraus. Gott lässt
seine Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte, über Gute und
Böse, Gerechte und Sünder, Gläubige und Zweifler. Ist das nicht
großartig? Ist das nicht ein wunderbares Bild für die Gnade und
Liebe Gottes? Sie, liebe Jubelkonfirmandinnen und Jubelkonfirmanden,
können aus Ihrer Lebenserfahrung sicher etwas beisteuern, wie gut es
ist, Hoffnung zu haben, neu aufstehen zu können, wenn einem mal
gründlich etwas daneben gegangen ist. Eben nicht abgestraft zu
werden, sondern die Chance des Neuanfangs zu bekommen, Menschen zu
haben an der Seite, die mit einem durch Dick und Dünn gehen, die
einem Fehler verzeihen, denen die Liebe wichtiger ist als das
Rechthaben wollen. Das ist doch die Sonne, die wir zum Leben
brauchen. Das Licht, das die Schatten der Selbstzweifel, der
Traurigkeit, der Angst, vor Gott und den Menschen als Versager da zu
stehen, einfach überblendet.
Die Sonne scheint – jetzt brauchen wir nur unser Haus der
selbstgemachten Unfreiheit zu verlassen. Wie sind ja selbst immer
unser schlimmster und ungnädigster Richter. Wir kennen uns zu gut
und wissen, dass wir keine Heiligen sind. Deshalb scheuen wir
vielleicht auch davor, öffentliches Lob anzunehmen. „Wenn mich die
Menschen besser kennen würden, dann wüssten sie, wie peinlich das
Loben wäre!“ Aber bei Gott gelten andere Gesetze. Bei Gott sind wir
so angenommen als wären wir sein einziges Kind. Gott ist viel
barmherziger als wir uns das vorstellen können.
Und wie lässt sich das erfahren? Ganz einfach: wir müssen nur unser
dunkles Haus verlassen, in dem es nur nach selbstgemachten Gesetzen
geht, nur nach Anerkennung durch andere Menschen, nach Leistung,
Erfolg, Macht … und uns einfach dieser vorbehaltlosen Liebe Gottes
aussetzen. Bedingungslose Annahme anzunehmen, das ist nicht leicht,
obwohl sich das so leicht anhört. Für Martin Luther war es ganz
schwer. Er hat als junger Mensch gemeint, er müsse sich die Liebe
Gottes verdienen – so wie wir oft meinen, durch das, was wir
verdienen, bekommen wir unser Lebenglück.
Aber das Lebensglück ist immer Geschenk. Können Sie mir da
zustimmen, liebe Schwestern und Brüder? Wie viel unverdientes Glück
war nötig, dass wir hier heute beieinander sein können. Wie schön
ist es, einander zu loben, Gutes zu teilen, dankbar zu sein, dem
anderen einfach zu sagen: „So wie du bist, bist du schon in
Ordnung.“ Vielleicht werden wir ein bisschen rot. Vielleicht wird es
uns aber auch warm ums Herz. Vielleicht blitzt da ganz unerwartet
etwas vom großen Sonnenlicht der Liebe Gottes auf. Denn genau das
sagt Gott zu uns: „So wie du bist, bist du schon in Ordnung.“
Paulus sagt: So halten wir nun dafür, dass der Mensch
gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“
Martin Luther hat in diesem Satz seine eigene persönliche Befreiung
erlebt. Er hat sein dunkles Haus der selbstgemachten Unfreiheit
verlassen und das wunderschöne Sonnenlicht der Liebe Gottes erlebt.
Und wir können es ihm gleich tun. Gleichgültig, welcher Kirche wir
angehören oder welche Erfahrungen wir mit dem Glauben haben. Gott
kann in jedes dunkle Haus Licht bringen. Er kann jede Unsicherheit,
jeden Zweifel überwinden und neue Hoffnung, neuen Lebensmut
schenken. Nicht auf uns selbst ist im Leben immer Verlass – wohl
aber auf Gottes Liebe, seine Gnade, seine Begleitung. Gott, die
feste Burg, die uns Zuflucht gibt – und Stärke verleiht, einfach
auch einmal Lob und Liebe anzunehmen, einfach so, weil es Gott gibt,
der uns unendlich liebt und beschützt und bewahrt.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 31.10.10