In dieser Woche ist Großes geschehen
Predigt am Palmsonntag - 28. März 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II.REIHE: PHILIPPER 2,5-11
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
in sieben Tagen, so erzählt die Bibel, soll Gott die Welt geschaffen
haben.
Martin Luther sagt über die Karwoche, die ja heute mit dem Sonntag
Palmarum beginnt: „In dieser Woche ist Großes geschehen, nicht
weniger, als in jener Woche, da Gott Himmel und Erde erschaffen am
Anfang der Welt.“
Was ist es denn, was da so Großes geschehen ist?
In dieser Woche erklärt sich, warum Gott in Jesus Mensch geworden
ist. Das Leiden und Sterben des Sohnes Gottes ist kein
Betriebsunfall gewesen, sondern der Höhepunkt der Sendung Jesu. Nur
weil Gottes Sohn Mensch wurde wie wir, Spielball der Mächtigen, von
Todesangst gequält, verraten und verkauft, einem Sklaven gleich,
gehorsam bis zum Tod, nur so kann er den Tod überwinden.
„Der Tod Jesu ist Kulminationspunkt der Inkarnation“ (Käsemann).
Den Satz können Sie gleich wieder vergessen. Aber dieses Bild bitte
nicht vergessen: in dem bespuckten, blutig geschlagenen Mann, der
wie ein Schwerverbrecher am Kreuz stirbt, zeigt sich Gott.
Woher ich das weiß? Nicht zuletzt aus unserem Predigttext, denn
das steht schon im ältesten Bekenntnis der Christenheit, in dem
Philipper-Hymnus, den wir bereits als Epistellesung gehört haben,
den ich noch einmal einer modernen Übersetzung vorlesen möchte:
So sollt ihr miteinander umgehen, wie es für
die Gemeinschaft mit Jesus Christus selbstverständlich ist. Jesus
Christus hatte Gottes Gestalt. Doch er meinte nicht, dass jemand,
der Gott so ähnlich ist, wie entrückt und fern von Leiden und Tod
sein müsse. Deshalb hat er auf sein Vorrecht verzichtet und hat
Sklavengestalt angenommen. Er wurde wie wir Menschen, führte genauso
ein Leben wie wir, wurde elend wie wir und gehorchte Gottes Auftrag
bis zum Tod am Kreuz. Deswegen hat Gott ihn in den höchsten Rang
erhöht und ihm erlaubt, sich Gott nennen zu lassen, denn er hat ihm
seinen eigenen Namen verliehen, den Namen über aller Namen. So soll
alles im Himmel, auf Erden oder unter der Erde ihn anbeten, und alle
Menschen sollen zur Ehre Gottes, des Vaters, bekennen: „Jesus
Christus ist der Herr.“
[Übersetzung Klaus Berger / Christiane Nord, 1999]
Jesus hat auf sein Vorrecht verzichtet, Gott gleich zu sein. Er
wollte nicht ein Gott sein, der fern von den Menschen thront und aus
der Distanz über Gute und Böse richtet. Er wollte ein Mensch sein in
dieser Welt, der das Leben mit anderen teilt. Jesus ist seinen Weg,
Mensch zu bleiben, so konsequent gegangen, dass er sich sogar wie
Verbrecher hinrichten ließ. Und wir können bekennen: „Jesus Christus
ist der Herr, der kyrios, der Herrscher über alle anderen Mächte.“
Das kommt uns vor wie ein absoluter Widerspruch – oder wie
„Dialektik“, was sich gebildeter anhört, aber dasselbe meint. Wie
kann ein Gescheiterter ein Sieger sein? Wie kann man gleichzeitig
Gott und unterster Sklave sein? Das will uns oft nicht in den Kopf
hinein.
Aber fragen wir mutig einmal anders herum: Wie kann Gott Gott sein,
der Schöpfer von Himmel und Erde, der Heiland, der Erlöser, der
Erbarmer, der Retter, wenn er den Menschen fern bleibt? Wenn er gar
nicht hinabsteigt in unsere Abgründe? Wie kann er uns wirklich
helfen in Angst und Not, in Verzweiflung und Todesfurcht? Was hilft
uns ein Gott, der nur herrschen will und nicht dienen?
Ist Gott nicht gerade darin Gott, dass er mit uns scheitert, leidet,
sterblich ist … und dennoch kyrios, Herrscher über alle Mächte
bleibt ?!
Jesus macht es vor, was gemeint ist: Auf einem Esel reitet er in
Jerusalem ein. Er wird empfangen wie ein kyrios und er ist es auch.
Aber statt mit Zeichen seiner Macht zu protzen, macht er offenbar,
wozu er bereit ist: Zu dienen - wie ein Esel. Auch wenn er dabei
verlacht wird – oder noch schlimmer: dafür ans Kreuz geschlagen
wird.
Täuscht euch nicht, sagt dieses Bild von Jesus auf dem Esel: Jesus
nutzt nicht seine göttlichen Stärke, seine Kraft ist in den
Schwachen mächtig. Er durchkreuzt unsere Vorstellungen von Macht und
Stärke.
Täuscht euch aber auch nicht, sagt dieses Bild von Jesus auf dem
Esel: Hier kommt nicht nur ein Esel, hier kommt der Herrscher aller
Herrscher. Hier kommt der, der mitleiden kann wie kein anderer. Der,
der dir die Hand hält noch in der Stunde des Todes. Der mit dir an
den Gräbern steht und dir Trost spenden kann. Der mitten in der
Verzweiflung noch Hoffnung und Kraft gibt. Weil er dich versteht.
Weil er in dir ist. Weil er weiß, wie sehr du leidest.
Darin ist Jesus Gott: Der Haltepunkt, dem man sich anvertrauen kann,
wenn alles zusammenbricht. Unser Gott hat Macht, weil er bei den
Ohnmächtigen sein kann. Täuscht euch nicht: Der auf dem Esel, dem
sie erfolgreich „Kreuzige ihn“ nachrufen, der lacht zuletzt alle
Spötter aus. Das Osterlachen gibt es wirklich. Gott sei Dank.
Irgendwo in den Alpen gibt es eine alte
Bäuerin, die in ihrer Stube alte Photographien anschaut. „Das ist
mein Mann“, erzählt sie dem Besucher. „Beim Holzfällen erschlagen.
Das sind meine beiden Buben, im Krieg gefallen. Das ist meine
Tochter, an Krebs gestorben.“ Wie wird man mit so viel Unglück
fertig? „Das hilft kein Trost von unten, der muss schon von oben
kommen“, sagt die Frau. „Beim ersten Todesfall kann man noch
trauern, aber dann wird man stumm. Ich habe es dem Herrgott sehr
übelgenommen, mir meine Familie genommen zu haben. Ich habe gehadert
wie Hiob. Ich habe nicht mehr gebetet, ging nicht mehr zu Kirche.
Dann schenkte mir ein Sommergast, ein Bildschnitzer, diesen Christus
auf dem Kreuz, der hier in der Stube hängt. Ich bin lange davor
gesessen, in den Wintermonaten, ganz allein. Ja, Christus hat mehr
gelitten als ich, was ist mein Leid gegen seines? Und da habe ich
die Kraft gefunden, zu leben und mir das nehmen zu lassen, was mir
der Herrgott genommen hat.“
(Willi Hoffsümmer, kurzgeschichten 3)
„Jesus Christus ist der Herr.“
Gott sei Dank.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 28.03.10