Erst einmal tief durchatmen
Predigt am Sonntag Okuli - 7. März 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II.Reihe: Epheser 5, 1-8a
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
Der Predigttext steht im Brief an die Epheser im 5. Kapitel:
So folgt nun Gottes Beispiel als die
geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns
geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer,
Gott zu einem lieblichen Geruch.
Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei
euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen
gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch
nicht an, sondern vielmehr Danksagung.
Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder
Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich
Christi und Gottes.
Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser
Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in den
Herrn.
Soweit unser Predigttext. Segne dein Wort an uns allen. Amen.
Da muss man erst einmal tief durchatmen, liebe Schwestern und
Brüder, wenn man diesen Text gehört hat. Da wird kein Blatt vor den
Mund genommen, da geht es um klare Forderungen: Von Unzucht, jeder
Art von Unreinheit, von Habsucht darf bei euch Christen nicht einmal
die Rede sein, sonst … erwartet euch der Zorn Gottes, sonst habt ihr
kein Teil am Reich Gottes!
Es reicht dem Autor nicht, bloß das moralisch-sittliche eindeutig
Verwerfliche abzuqualifizieren, er geht noch darüber hinaus: Selbst
„närrisch und lose“ Reden „stehen euch nicht an“. Luther übersetzt
hier noch wohlwollend, denn genau heißt es, jede Art von „witziger,
geistvoller und gelöster Fröhlichkeit“ soll verboten sein.
Seht, liebe Schwestern und Brüder, hier genau ist der Punkt, an dem
das Christentum droht, zum bloßen moralisch-sittlichen Verein zu
verfallen. Wer sich so als Tugendwächter versteht, der anderen
Menschen Lebensfreude und Fröhlichkeit gerade im Namen der frohen
Botschaft, des Evangeliums meint verbieten zu müssen, der befreit
die Menschen nicht zu einem neuen und erfüllten Leben, sondern
stellt es wieder unter andere Gesetze, engt es ein, verhindert es
geradezu.
Ich möchte es an dieser Stelle ganz deutlich sagen: Es ist gerade
eine uns Christen geschenkte Gabe, aus der uns geschenkten Freiheit
Freude und Fröhlichkeit zu verbreiten.
Lange genug verwechselten die Kirchen durchaus angebrachten Ernst
mit Muffigkeit, Strenge und Langeweile und meinte, Fröhlichkeit und
Lachen gingen nicht mit der Botschaft Jesu Christi zusammen. Es hat
schon etwas Pharisäerhaftes, Lasterkataloge aufzustellen von Dingen,
die angeblich verboten sind. Denn natürlich sind es immer Dinge, die
man selbst selbstverständlich nicht tut, sondern immer nur die
anderen, auf die man mit Fingern zeigt.
So hat sich aber Jesus und auch nicht Paulus das Leben unter
Christen vorgestellt. Christliche Gemeinschaft ist gestiftete
Gemeinschaft, in der jede und jeder so, wie sie, wie er ist,
angenommen wird und andere annimmt. Es gibt nur ein Gebot, das es
einzuhalten gilt: die Liebe. Es ist die Liebe, aus der heraus der
Christ sein Leben und seinen Umgang mit anderen Menschen bestimmt.
Und Liebe ist immer eine freiwillige Sache. Man kann sie nicht
befehlen, kann sie nicht per Moralforderungen überwachen. Sie ist
da, weil Christus sie gestiftet hat, nicht weil wir Menschen sie uns
verdient hätten. Es ist die Liebe, von der her sich das gesamt
Gemeindeleben gestaltet – oder es ist kein Gemeindeleben. Deswegen
braucht es keine Tugendwächter, keine Aufpasser, die anderen sagen,
was alles verboten ist. Wir brauchen Menschen, die uns Gottes Liebe
vorleben. Die die ihnen geschenkte Liebe weitergeben. Die da sind,
wenn man sie braucht. Die mit den Traurigen weinen und den
Fröhlichen lachen. Die sich auf den Weg machen zu den Einsamen, den
Kranken. Die die Sterbenden begleiten. Die Gestrauchelte aufrichten.
Die mit einem klaren Wort einen Streit beenden. Die Versöhnung
schaffen, weil sie den ersten Schritt zu Verzeihen wagen.
„So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in
der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für
uns gegeben als Gabe und Opfer.“ Das ist die Überschrift unseres
Predigttextes. Daran hängt alles! Sich als geliebtes Kind zu
begreifen und dieselbe Liebe an andere weiterzugeben.
Brauchen wir dann eigentlich noch solche „Lasterkataloge“, wie man
sie nennt? Um Gottes willen braucht man sie nicht. Aber um uns
Menschen willen. Gott schenkt uns Liebe und Freiheit und wir
Menschen sind in der ständigen Gefahr, die Liebe und Freiheit zu
missbrauchen. Und da ist unser Text auf einmal aktuell:
„Unzucht“, „Habsucht“ – das sind doch Begriffe, die tagtäglich in
der Presse mit der Kirche zusammengebracht werden. Missbrauch an
Kinder in der Kirche – nicht nur in der katholischen! Gedeckt „um
des lieben Friedens willen“: eine schwere Schuld. „Habsucht“: Mehr
haben, mehr sein zu wollen als andere – das gibt es doch nicht nur
bei den berühmten „gewissenlosen Bänkern“: das gibt es auch in den
Kirchen – oft verbrämt hinter sich fromm gebärdenden Erklärungen!
Und nehmen wir die „närrischen und losen Reden“: wenn sie andere
verletzten und kränken, dann stehen sie uns Christen untereinander
wirklich nicht an, denn die Freiheit des einen endet an der Freiheit
des anderen. Worte, Sprache kann manchmal mehr verletzen als
Schläge.
„Lasst euch nicht verführen mit leeren Worten“. Das ist doch eine
sinnvolle Mahnung an uns alle, vor allem auch an mich, den Prediger.
Menschen kommen zur Kirche, auch weil sie suchen, weil sie einen
Vertrauensvorschuss mitbringen – sie abzuspeisen mit
Oberflächlichkeiten ist zu wenig!
Manches an solchen Mahnungen ist sicher zeitbedingt und man darf sie
keinesfalls zum Gesetz erheben. Das einzige Gesetz ist das: Liebt
einander, so wie euch Gott geliebt hat. Dass es solche Mahnungen
gibt, liebe Schwestern und Brüder, ist an bestimmten Stellen
sinnvoll. Es gibt eher zu wenig davon. In unserer heutigen Zeit
würden die Apostel vielleicht noch mehr davon hinzufügen:
Ihr seid das Licht, sagt der Apostel. Das Licht, dass
hineinscheint in die Dunkelheiten dieser Welt. Also: lebt lichtvoll
und liebevoll, achtsam und aufrüttelnd, vor allem aber: lebt so, wie
ihr seid, mit all euren Gaben und Begabungen, in großer Freiheit und
in der Liebe Gottes, der uns alle so braucht, wie wir sind und
werden können!
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 07.03.10