Der eine gute Hirte
Predigt am Sonntag Miserikordias Domini - 18. April 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II.Reihe: 1.Petrus 2, 21b- 25
Der Predigttext steht im 1.Petrus-Brief im 2.Kapitel:
„Denn auch Jesus, der Messias, hat gelitten,
und zwar stellvertretend für euch. Er hat euch ein Beispiel gegeben,
damit ihr in seine Fußstapfen treten könnt. Denn er hat keine Sünde
begangen und keine boshaften Worte gesagt. Er wurde beleidigt und
hat die Schmähung nicht mit gleicher Münze zurückgegeben. Er musste
leiden und hat nicht gedroht. Er hat sich ganz dem gerechten Richter
anheimgegeben. Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das
Kreuz hinaufgetragen, damit wir von unseren Sünden befreit werden
und nun ganz für die Gerechtigkeit da sein können. Durch seine
Wunden seid ihr geheiligt worden. Denn ihr wart wie verirrte Schafe,
doch jetzt seid ihr umgekehrt zu Jesus Christus, eurem Herrn, der
euch bewacht und beschützt.
(Übersetzung Klaus Berger, Christiane Nord, 1999)
Soweit unser Predigttext. Gott segne dein Wort an uns allen.
Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Der Herr ist mein Hirte“ - wer kennt sie nicht, die Worte des
Psalms 23. Heute heißt es im Gottesdienst: „Ich, Christus, bin der
gute Hirte, und ich lasse mein Leben für meine Schafe.“ Und im
Predigttext bekommt das Bild vom guten Hirten noch eine andere
Ausrichtung: „Jetzt seid ihr umgekehrt zu Jesus Christus, eurem
Herrn, der euch bewacht und beschützt.“
Christus der Herr, der Aufseher, der, auf den Verlass ist: Das ist
gemeint. Nicht eine falsche Romantik vom idyllischen Leben in der
Natur soll hier aufgezeigt werden. Es geht schon um Schutz vor
Gefahren, darum, auf wen man sich verlassen kann und wem man trauen
soll, dass er einen in die richtige Richtung führt.
Und wenn Jesus der gute Hirte ist, dann heißt das eben auch, dass
alle weltlichen Herrscher sich an diesem Jesus messen lassen müssen.
Und dass wir Christen im Zweifel Jesus mehr folgen sollen als all
den selbsternannten Hirten und Herren unserer Zeit.
Es steckt schon ein Stück Widerstand, Aufstand, in diesem Bild von
Jesus als dem einen, entscheidenden Hirten. Nun sind wir ja noch in
der Zeit des Aufstands, der österlichen Zeit, die geprägt ist von
Jesu Aufstand gegen den Tod.
Überall, wo der Tod und nicht das Leben gepredigt wird, der Hass und
nicht die Versöhnung, die Resignation und nicht die Hoffnung, da
sollen wir auf Jesus, den Messias, schauen und seinem Beispiel
folgen – so unser Predigttext. Was heißt nun „diesem Beispiel
folgen?“ Unser Text sagt ganz konkret: „ihr sollt seinen Fußstapfen
nachfolgen“, es soll euer „Vorbild“, sein. Was Martin Luther mit
„Vorbild“ übersetzt, ist eigentlich das, was ein Lehrer, eine
Lehrerin, die in Schönschrift etwas an die Tafel schreibt, die
„Schreibvorlage“ (= wörtliche Übersetzung), und was dann die Kinder
so gut es geht abschreiben müssen. Es wird am Anfang nie so gelingen
wie es an der Tafel steht. Die Schüler und Schülerinnen müssen
selbst herausbekommen, wie die Striche und Schwünge der einzelnen
Buchstaben hinzukriegen sind.
Auch Jesu Fußstapfen sind für uns eigentlich zu groß. Wir können
nicht das Leben leben wie er es tat. Sündlos, ganz eins mit dem
Vater, geduldig im Leiden, unendlich tapfer im Tod. Wir müssen es
auch nicht. Wir müssen unseren Weg finden und gehen, so gut es uns
gelingt. Aber Jesu Weg, Jesu Fußstapfen können uns Leitbild, Ziel
sein - wie die Buchstaben der Lehrerin an der Tafel als wir kleine
Erstklässler waren. Beeindrucken soll uns Jesu, mitreißen, ermutigen
auch so den Weg zum Leben zu finden wie er es tat.
Er ging einen Weg vor, damit wir ihm folgen können. Jesus war
sündlos, hat Menschen geheilt, Menschen die frohe Botschaft von Gott
verkündet, immer nur das Gute und die Heilung gewollt. Dennoch ist
er angefeindet worden, ist ihm Übles nachgesagt worden, ist er
verfolgt worden. In der Nachfolge Jesu kann uns das auch passieren.
Auch da können wir unschuldig verfolgt werden. Weil andere Menschen
anderen Hirten folgen wollen. Weil sie Hass, Neid und Egoismus mehr
trauen als der Liebe, dem Leben und der Freiheit im Glauben. Dann
ist es besonders wichtig zu wissen: Dieser gute Hirte lässt mich
nicht allein. Er ist auf meiner Seite, er fängt mich auch, wenn ich
falle, er versteht meine Sorgen und Ängste, sogar meine Feigheit. Er
gibt mir neuen Mut. „Ihr seid heil geworden. Ihr seid meine Kinder.
Euch kann die Sünde nichts mehr anhaben.“
Wie ist das denn bei uns? Welchen Fußstapfen folgen wir nach? Welche
Wege gehen wir, die andere uns vorbereitet haben, ausgetreten,
aufbereitet, gangbar gemacht haben?
Es gibt Stationen im Leben, da muss man sich entscheiden: Wem will
ich meinen Lebensweg anvertrauen? Unter welchen Schutz stelle ich
mich? Nur mir und meinen eigenen Überzeugungen? Nur Meinesgleichen,
die denken wie ich? Meine ich, keine Vorbilder zu brauchen?!
„Denn ihr wart wie die irrenden Schafe...“ heißt es im Predigttext.
Ein Schaf will keiner sein, aber ehrlich: sind wir nicht oft genug
auf der Suche, irren umher, haben eigentlich keine richtige
Richtung, weil sie sich gar nicht in Beziehung zur Vergangenheit und
den Menschen ringsum sehen? Sehen Sie, liebe Schwestern und Brüder,
und zu solchen Menschen spricht Jesus. Zu solchen, die nur
mittrotten, die sich gar nicht fragen, wohin der Weg geht, die nur
all zu leicht einstimmen in das Geblöke der andere, ach so
erfolgreichen Schafführer und –verführer.
Und dann heißt es: „aber ihr seid nun umgekehrt zu eurem Herrn, der
euch bewacht und beschützt.“ Umkehr ist kein aktives Tun. Umkehr ist
ein Geschenk. Nicht ich kehre einfach so einmal um, das kann kein
Mensch, sondern Gott kehrt mich um. Gott setzt mich auf den
richtigen Weg. Gott schreibt die Buchstaben auf die große Tafel
unseres Lebens, und wir sollen sie in unser Leben übersetzen so gut
es geht.
Einen Schutz und Bewacher für die eigene Seele zu haben: Das ist
eine wunderbare Vorstellung. Wer dies hat, der hat einen
unglaublichen Schatz im Leben. „Seiltänzer, bedenke, wer dir unten
das Netz hält!“ schrieb Stanislav Jerzy Lec. Unsere Seele muss oft
auf einem ganz dünnen Seil tanzen. Wir sehnen uns danach, dass
jemand diese so gefährdete und schwache Seele beschützt. Dann ist es
gut, auf jemanden zu blicken, der ganz konkret vorgelebt hat, was
wirklich wichtig ist im Leben: Eben nicht der Erfolg um jeden Preis,
sondern das Sich-selbst-treu-Bleiben, eben nicht der Egoismus,
sondern die Nächstenliebe. Eben nicht die Verzweiflung und das
Aufgeben, sondern die Hoffnung und der Glaube, der Berge versetzen
kann. Christus ist den Weg vorausgegangen: durch den Tod zum Leben.
Wie wir leben sollen und können, sagt uns die Bibel, die Zehn
Gebote, das Doppelgebot der Liebe, die Bergpredigt.
Wir stehen in der großen und tragfähigen Tradition deren, die uns
schon den Weg geebnet haben. Die wie Jesus nicht den Weg des
geringsten Widerstandes gegangen sind, sondern die aufopferungsvoll
für den Glauben und die Freiheit gekämpft haben. Wir stehen in der
Folge von Menschen, die den Fußstapfen Jesu folgten, die auch litten
und manchmal sogar starben – damit wir leben können.
Jesus ist auch heute noch der eine gute Hirte. Er ist der Herr der
Kirche. Nicht Menschen, die ein Amt innehaben. Das eigentliche Amt
hat Christus. Er nimmt die Menschen durch die Taufe an, er bewirkt
durch seinen Heiligen Geist, dass die Menschen sein Wort hören und
verstehen und danach leben. Er hält die Gemeinschaft der Heiligen
zusammen und fügt neue Menschen dazu. Dafür danken wir ihm von
Herzen. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 19.04.10