Zeit
Konfirmationspredigt am 24. und 25. April 2010
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,
Konfirmation, das ist auch Zeit der Geschenke. Geschenke sind
wichtig. Sie machen Freude. Zeigen, ich bin nicht vergessen. Ich bin
einem Menschen so viel wert, dass der sich aufgemacht hat, etwas
Passendes auszusuchen, es schön zu verpacken, es mir zu geben. Und
etwas von dem Schenkenden ist in jedem Geschenk.
Paket auspacken
Schild: 4.500
4.500 Minuten Eurer kostbaren Lebenszeit habt Ihr mir oder
vielmehr der Gemeinde geschenkt. Denn das war so ungefähr die Zeit,
die wir Dienstags oder Donnerstags oder auch an den Blocksamstagen
zusammen verbracht haben.
1.860 Minuten seid ihr durchschnittlich im Rahmen von Gottesdiensten
in der Kirche gewesen.
27.900 Predigtsekunden habt ihr dabei in euch aufgenommen, mehr
noch: Total interessiert in euch aufgesogen ... oder etwa nicht?
Ich danke Euch für das Geschenk, für die geschenkte Zeit. Ich weiß,
es ist ein kostbares Geschenk.
Ich weiß, nicht allen ist es immer so leicht gefallen, hier zu sein,
dem KU Zeit zu schenken. Es gab soviel anderes in dieser Zeit zu
tun: Schule, Freunde, Sport und vieles mehr.
Aber letztlich habt Ihr 270.000 Sekunden, also 4500 Minuten oder
auch 75 Stunden hier mit uns, mit mir, mit dem Trägerkreis, mit der
Gemeinde verbracht.
So viel Zeit - und so schnell ist sie vergangen, denke ich
zumindest. Es war für die, die es richtig angepackt haben, eine
intensive Zeit. In den Fragebögen, die Ihr in der letzten Woche alle
ausgefüllt habt, da war zwar manchmal zu lesen: diese Zeit war etwas
zu lang, manchmal stand da auch: ist eigentlich ziemlich schnell
umgegangen. Von 55 Fragebögen habe ich nur auf einem gelesen:
Zeitverschwendung.
Unsere Zeit ist schon etwas sehr kostbares.
Habt Ihr Euch / Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber
gemacht, womit wir in unserem Leben die meiste Zeit verbringen?
In einem durchschnittlichen Leben schlafen wir 24 Jahre und 4 Monate
5 Jahre verbringen wir mit Essen. Ebenso lange bei PC-Spielen.
Hausaufgaben? - 1 Jahr und 10 Monate
Einkaufen? - 1 Jahr und 6 Monate Bei einigen Menschen mag das auch
anders gewichtet sein, das sieht man dann am Kleiderschrank – und an
den Zeugnisnoten.
Beten? - 2 Wochen
Küssen? - 2 Wochen
Fernsehen - 5 Jahre und 6 Monate
In ungefähr 75 Stunden haben wir gemeinsam über Gott und die Welt
nachgedacht, haben Kirche und Gemeinde erkundet, miteinander
gelacht, uns manchmal gegenseitig geärgert und genervt.
Gottesdienste, die Ihr vorbereitet habt, Fußball beim Konfi-Cup,
Block-Samstage auch mit schwierigen Themen, Momente, in denen ich
gespürt habe, ja, da wirkt Gottes Geist. Wir hatten gute Zeiten,
manchmal vielleicht nicht so gute Zeiten, auf jeden Fall haben wir
uns gegenseitig Zeit geschenkt. Und wie das so ist mit den
Geschenken: Manchmal erträumt man sich vielleicht ein anderes
Geschenk. Und doch sind sie spannend, überraschend, wunderbar,
machen sie Freude. Und wie gesagt: etwas von dem Schenkenden ist in
jedem Geschenk.
Und jetzt?
CD: Bocelli: Time to say Goodbye
Time to say Good bye?!
Ja, es ist Zeit: Good bye zu sagen, Auf Wiedersehen, alles Gute.
Denn die Zeit des Konfi-Unterrichts ist vorbei. Eure Dienstage und
Donnerstage und manche Samstage werden jetzt wieder anders gefüllt.
Denn Ihr seid ab heute konfirmiert, das heißt ein Stück mehr selbst
verantwortlich für Euer Leben und für Euren Glauben. Ihr tragt auch
ein Stück mehr Verantwortung dafür, wie Ihr Eure Zeit verbringt. Das
ist nicht so leicht, in der Fülle der Möglichkeiten.
Stellt Euch vor, Ihr bekommt jeden Morgen beim Aufwachen eine Summe
von 86.400. Man kann damit machen, was man will; allerdings: man
kann nichts sparen und aufheben für schlechte Zeiten, was am Abend
nicht genutzt wurde, verfällt. Was also anfangen mit 86.400?
86.400 – unvorstellbare Summe?
86.400, das sind die Sekunden Lebenszeit, die Gott uns Tag für Tag
anvertraut, um sie klug zu nutzen.
86.400 damit kann man viel anfangen – Zeit für Arbeit und Freizeit,
Zeit für Aktivität und für Ruhe. Zeit für andere Menschen, Zeit für
mich selbst, Zeit für Gott. Denn, auch wenn geschäftstüchtige
Menschen anderes behaupten: Zeit kann man nicht managen, man kann
sie nur leben.
Ich wünsche dir Zeit
Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.
Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit – nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.
Ich wünsche dir Zeit – nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrig bleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schaun.
Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.
Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben !
Elli Michler
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 04.05.10