Aushalten
Predigt am Karfreitag, 2. April 2010
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
II. Reihe: 2. Kor. 5,19-21
Liebe Gemeinde,
ich hatte in dieser Woche ein Gespräch mit einer Freundin. Sie
stammt, wie wohl die meisten hier, aus einem Elternhaus, in dem
christliche Feiertage bedacht, gelebt, gefeiert werden. Advent,
Weihnachten, Passion und Ostern- für all das kennt sie die
biblischen Geschichten, die vertrauten Lieder.
Und dann sagte sie zu mir: Dieser Karfreitag- das ist so ein Tag,
der mir ganz fremd bleibt. Und weiter sagte sie: Mit Gott, damit
kann ich etwas anfangen. An den kann ich vielleicht sogar glauben-
auch wenn mir das oft schwer fällt. Aber Karfreitag?
Karfreitag, liebe Gemeinde. Heute. Ein Tag, der uns fremd bleibt-
vielleicht. Und gleichzeitig der Tag, mit dem wir Jahr für Jahr aufs
neue ringen. Den wir in unseren Gedanken umkreisen. Dem wir uns im
Glauben annähern. Dessen Bedeutung wir mehr zu fassen wünschen als
dass er uns Besitz würde. Bei dem wir vielleicht froh sind, wenn er
vorüber ist, mit seiner Dunkelheit, seinem Schweigen, seinen
Gedanken über Sterben und Tod. An dem wir so gerne schon
weiterblicken, auf die Ostertage, auf die Auferstehung, auf das
Leben, das weitergeht. Karfreitag steht das Leben still. Unter dem
Kreuz.
Was ist da geschehen, an jenem Tag in Jerusalem vor fast 2000
Jahren? Was ist da geschehen mit dem Menschen, auf den so viele ihre
Hoffnung setzten? Der Kranke heilte und von Gott erzählte, der seine
Freundinnen und Freunde in Bewegung brachte, heraus aus ihren
Zollstationen und Fischerhütten hin zu einer anderen, neuen Welt,
hin zu Hoffnung und Leben? Wie ist das zu verstehen, Jesu Weg, sein
Mut, sein Leiden, sein Sterben? Am Kreuz.
Das Kreuz verstehen: danach haben Christen schon immer gesucht, und
sie haben gefunden: nicht vor Jesu Tod, nicht in der Zeit der
größten Traurigkeit. Verstehen wurde möglich, als der Ostermorgen
anbrach. Als Gott Jesus nicht im Tod gelassen hat. Licht fällt von
dort auf die Dunkelheit des Karfreitags. Und gibt Hoffnung in der
Hoffnungslosigkeit, gibt auch uns Verstehen, Glauben und Hoffnung.
Das Kreuz verstehen. Immer wieder neu. Besonders heute.
Paulus hilft uns dazu, gibt uns eine Antwort, die Antwort, die wir
suchen und brauchen. Er schreibt im seinem 2. Brief an die Gemeinde
in Korinth im 5. Kapitel:
Denn Gott war in Christus und versöhnte die
Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat
unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt
durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen
mit Gott!
Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde
gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott
gilt.
Gott war in Christus! Das zu sehen, welches Geschenk des
Glaubens! Und welche Zumutung für das Denken der Welt! Welche
Zumutung für die, die ihn eben gesehen hatten: in allem menschlichen
Leiden am Kreuz.
Und gleichzeitig: Welche Hoffnung. Gott war in Christus. In tiefstem
Menschsein, an seinem äußersten Rand, ist Gott selber zu uns
gekommen.
Das ist unser Gott: nicht abrechnend und Sünden aufrechnend in der
Ferne, sondern aus Liebe zu uns versöhnend am Kreuz er selbst.
Versöhnung: etwas, das nicht in Ordnung war, wird in Ordnung
gebracht. Die Schuld unseres Lebens wird am Kreuz nicht übermalt,
nicht übertüncht mit dem Mäntelchen der Liebe, das vieles verdeckt
und nichts ändert. Denn Versöhnung bedeutet Veränderung. Veränderung
zum Guten wird möglich.
So schafft Gott Leben: Wir dürfen immer wieder neu anfangen. Uns
unsere Schuld eingestehen. Anderen unsere Schuld eingestehen. Die
jeder hat. Wir können benennen, was wir Menschen so leicht
verwüsten, ins Chaos stürzen, mißhandeln. In unseren Beziehungen,
auf unserer Erde, bei unseren Mitmenschen. Denn Gott hat uns
versöhnt. Am Kreuz.
Wie sollte also das Leben nicht einen Moment stillstehen, wenn Gott
selber sein Leben gibt?
Wie sollten wir nicht innehalten, wenn Menschen auf der Welt auch
heute noch leiden unter Hunger, Krieg und Gewalt? Wie sollten wir
nicht zu Botschafterinnen und Botschaftern der Versöhnung werden?
Ich nehme Sie noch einmal mit zu dem Gespräch mit meiner Freundin.
"Mit Gott kann ich etwas anfangen", hatte sie gesagt. Ihre Mutter
ist an schwerer Demenz erkrankt. In der Familie gibt es Streit. Ihr
selbst geht es nicht gut. "Mit Gott kann ich etwas anfangen", hat
sie gesagt.
Und dann habe ich gesagt: Und dieser Gott ist bei denen, die leiden,
die traurig sind. Bei denen, die unseren Augen entgehen und die sich
von Gott verlassen glauben. Er ist bei den Schwachen wohl mehr als
bei den Starken. Er ist bei den Sterbenden und bei denen, die für
das Leben kämpfen. Denn Gott war in Christus, ein Menschenleben lang
bis über den Tod hinaus.
Was ich meiner Freundin wünsche am Karfreitag:
dass Gott ihr als Vertrauter begegnet an diesem fremden Tag.
Dass sie an den Tagen ihres Lebens, an denen Dunkelheit herrscht und
Schweigen- und solche Tage wird es geben- dass sie an diesen Tagen
Bekanntschaft macht und Freundschaft findet mit einem Gott, der
mitgeht.
Dass sie es aushält, dass das Leben manchmal still steht, in
Traurigkeit, in Schuld, in Sterben und Tod. So, wie Gott es
ausgehalten hat bei uns. Gott ist in Christus. Für uns. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 01.07.10