Der Himmel geht über allen auf
Predigt an Christi Himmelfahrt - 13. Mai 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II. Reihe: Apg. 1, 4-11
Und als er sie versammelt hatte, befahl er ihnen, daß sie nicht von Jerusalem wichen, sondern warteten auf die Verheißung des Vaters, welche ihr habt gehört (sprach er) von mir; denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen. Die aber, so zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: HERR, wirst du auf diese Zeit wieder aufrichten das Reich Israel? Er aber sprach zu ihnen: Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat; sondern ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. Und da er solches gesagt, ward er aufgehoben zusehends, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Kleidern, welche auch sagten: Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
„Der Himmel geht über allen auf“ - wenn wir von „Himmel“ reden, dann
sprechen wir von einer starken Kraft, die uns bewegt. Wer im
„7.Himmel“ schwebt, der ist ganz von dieser Kraft gefangen. Die
Älteren kennen noch das Gefühl: „Ich tanze mit dir in den Himmel
herein ...“. Kaum einen lässt die Vorstellung von einem blauen
Urlaubshimmel, unter dem man alle viere von sich strecken kann,
kalt. Ja, der Himmel setzt schon etwas in Bewegung, der Himmel als
der Ort, an dem Gott zuhause ist, er tut etwas, er geht „über allen
auf, auf alle über, über allen auf.“
Am Feiertag Christi Himmelfahrt geht es nicht um den Abflug Jesu in
eine fremde Welt. Genau 40 Tage nach Ostern feiert die Christenheit
- übrigens schon mindestens seit Bischof Chrysostomus im
4.Jahrundert in Antiochien darüber gepredigt hat - die Heimkehr
Christi in den Himmel Gottes. Jesus, so sagt es Dietrich Bonhoeffer,
der aus der Welt heraus gedrängt wird an das Kreuz, er findet am
Ende doch den Weg zu Gott, zum Vater, in seine alles umgreifende
Welt.
Aber wo ist denn nun diese Welt Gottes, der Himmel? Der Himmel, in
dem Jesus zuhause ist, er ist mit Sicherheit nicht irgendwo hinter
den „unendlichen Weiten des Weltraums“. Sonst wären die Jünger nach
Jesus Aufnahme wohl kaum voller Freude zurückgeblieben, wie es das
Evangelium erzählt, sonst enttäuscht, traurig und allein. Sie sind
aber fröhlich und getröstet. Denn sie wissen, nun hat sich die
Verheißung erfüllt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der
Welt Ende.“ „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da
bin ich mitten unter euch“.
Wer den Himmel erlebt, ist voller Freude. Glückliche Menschen
schwärmen vom „Himmel auf Erden“. Dort ist nun Jesus. Wie er als
Mensch erkennbar, auffindbar, für alle sichtbar war, so ist er es
nun auch als Auferstandener. Er ist im Himmel. Und wir Menschen
können mittendrin sein. „Mittendrin statt nur dabei.“ Das ist die
kraftvolle und Mut machende Botschaft von Himmelfahrt.
Ich sage dass, obwohl ich mich selbst oftmals kraftlos und entmutigt
fühle. Gar nichts vom „Himmel auf Erden“ spüre. Wie oft habe ich
einem Menschen gut zugeredet, bin auf ihn eingegangen, habe mir für
ihn Zeit und Kraft genommen - und er hat sich doch für meine
Begriffe falsch entschieden. Wie sehr habe ich versucht, meinen
Ansprüchen aber auch nur halbwegs zu genügen - und bin doch nur viel
zu hohen Maßstäben hinterhergerannt, habe meine Zeit vertan mit viel
zu vielen Kleinigkeiten, die den Blick für das ganze verstellt
haben. Grüblerische Gedanken kommen: Ist es jetzt zu spät? Was wird
werden? Andere feiern, vielleicht einen schönen Geburtstag, machen
einen unbeschwerten Ausflug. Ich aber sorge mich, etwa um die
Gesundheit, bin nicht mittendrin, sondern stehe mit sorgenvollem
Gesicht abseits. Gehört das nicht auch zum Leben, dass eben nicht
immer der Himmel auf Erden sein kann?
Sicher, das gehört auch dazu. Aber weil das so ist, lasst uns nicht
wie die Jünger in den Fehler verfallen und nur nach oben starren,
dorthin, wo Jesus eben nicht mehr ist. „Als die Jünger der
Himmelfahrt Jesu nachsahen, sprachen zu ihnen zwei Männer in weißen
Kleidern: „Was starrt ihr in den Himmel, Männer von Galiläa? So, wie
dieser Jesu auffuhr gen Himmel, auf dieselbe Weise wird er
wiederkommen auf die Erde!“
Jesus ist in einer Wolke von der Erde verschwunden. Der Menschensohn
hat seine Aufgabe erfüllt. Er sitzt zur Rechten Gottes, seines
Vaters, und hält im Himmel alle Macht und Gewalt in seinen Händen.
Auf der Erde ist er nicht mehr da. Die Jünger starren in den Himmel
und warten, dass etwas passiert. Ihr Blick muss erst wieder auf die
Erde zurückgeholt werden von diesen beiden Engeln in weißen
Kleidern. Den Jüngern muss erst wieder gesagt werden, dass sie eine
Aufgabe zu erfüllen haben. Die Jünger sollen in sich hinein hören,
es ist ihre Aufgabe, sich selbst zu öffnen, damit der Himmel wieder
zu ihnen dringen kann. Damit sich ihre Traurigkeit in neue
Lebenskraft verwandelt.
Himmelfahrt ist der Tag, der uns Christen an unsere besondere eigene
Verantwortung für Himmel und Erde mahnt. Der schwarze Bürgerrechtler
Martin Luther King sagte einmal völlig zu Recht: „Kein Problem wird
gelöst, wenn wir meinen, dass Gott sich allein darum kümmert!“
Zunächst gilt es sich selbst zu öffnen. Nicht verschlossen die Hände
vor der Brust zu verschränken und zu erwarten, dass alle anderen
Menschen sich ändern müssen. Jesus ist nicht verschwunden auf
Nimmer-wieder-Sehen. Er hat bei Gott sein zu Hause gefunden. Und wo
wohnt Gott? Seit Himmelfahrt gilt die Antwort: „Überall, wo man ihn
einlässt.“
Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, ist Christi Himmelfahrt ein so
wichtiger Festtag. Überall ist nun Christus. Der Himmel, der Ort an
dem Gott wohnt, er kann so nahe sein. Wir brauchen nur die Augen
öffnen, in dem Lächeln eines Menschen, in Augen, die uns anschauen,
zu erkennen: Und wir sind mitten drinnen. Wir brauchen nur die Hände
zu öffnen. Anderen Hilfe, Aufmerksamkeit, Sorgsamkeit zukommen
lassen - und wir erkennen in dem Dank der zurückkommt, die schnell
ein Stück Himmel auf die Erde kommen kann. Wir brauchen nur einen
Spalt unser Herz zu öffnen - und wir erkennen wie groß Gottes Liebe
ist, die alle Menschen mit einschließt. Auch uns. Auch die mit
verschlossenen, mit traurigen Herzen. Denn der Himmel geht über
allen auf. Kann jeden und jede mit Lebenskraft und neuer Hoffnung
erfüllen. Und mit einem Mal können alte Wunden, unüberwindbar
geglaubte Verletzungen mit einem Schlag heilen. Weil Jesus und keine
andere Macht herrscht. Er ist König - und alle Sorgen, Ängste und
Mutlosigkeiten haben keine Macht mehr. Solche Erfahrungen von einem
„Himmel auf Erden“ wünsche ich uns allen, liebe Schwestern und
Brüder - und nicht nur am Festtag „Christi Himmelfahrt.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 14.05.10