Am Fenster des Juweliers
Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis - 20. Juni 2010
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
II. Reihe: 1. Timotheus 1, 12-17
Liebe Gemeinde,
Ein Rabbi stellte einem seiner Schüler eine Frage: »Wenn du die
Straße hinuntergehst und siehst: die Fensterscheibe beim Juwelier
ist eingeschlagen, du könntest also Juwelen und anderes stehlen –
was tust du?« Der Schüler antwortete: »Ich greife hinein ins Fenster
und nehme mir, soviel ich nur tragen kann.« Der Rabbi sagte: »Du
bist kein weiser Mann.« Er stellte die Frage einem zweiten Schüler.
Der antwortete: »Ich laufe, so schnell ich nur kann, am Laden
vorbei, um nicht in Versuchung zu kommen.« Auch ihm sagte der Rabbi:
»Du bist kein weiser Mann.« Er fragte auch den dritten und bekam zur
Antwort: »Rabbi – weiß ich denn, wer ich bin, wenn ich da beim
Juwelier ankomme und das eingeschlagene Fenster sehe?« Da sagte der
Rabbi ihm: »Du bist ein weiser Mann.«
Weiß ich denn, wer ich bin? In dieser Frage des Schülers an seinen
Rabbi steckt seine Weisheit, steckt die Weisheit dieser Geschichte
und auch der Leitgedanke der Predigt heute. Weiß ich denn, wer ich
bin?
Und am Ende soll die Antwort lauten: Ich weiß vielleicht – wie der
Schüler des Rabbis- nicht immer, was und wie ich sein werde in der
Zukunft. Ich weiß aber, was ich sein kann und darf, wozu Gott mich
bestimmt und berufen hat: zu seinem Kind, das nach allem Scheitern
neu anfangen darf, weil es geliebt wird und ermutigt zum Tun des
Guten.
Was mich an der Geschichte vom Rabbi und seinem Schüler besonders
angesprochen hat, liebe Gemeinde, ist ihre Offenheit für das, was
geschehen kann im Leben. Die Szene ist klar: Nimmt der Mensch die
Juwelen, die er so leicht bekommen könnte, für sich mit, oder tut er
es nicht?
Der erste erliegt der Versuchung. Der zweite sieht die Versuchung
unaufhaltsam auf sich zu kommen, und versucht ihr zu entgehen.
Der dritte allein sieht die Zukunft in der Frage, die Möglichkeiten,
die im Leben liegen- nicht alles liegt in unserer Hand. Und dass es
Lebenswege geben mag, sich so oder anders zu entscheiden.
Weiß ich denn, wer ich bin, wenn ich da beim Juwelier ankomme? Das
ist eine Antwort, die das Leben mit allen seinen Möglichkeiten, mit
seiner ganzen Wirklichkeit mit einbezieht. Und dadurch zur einzig
möglichen, weil realistischen Antwort wird.
Der Predigttext für heute spricht ganz anders von der Wirklichkeit.
Da schreibt jemand, der genau weiß, wer er ist. Und wer er sein
wird.
Wie er ein Leben hatte, ohne Gott. Wie er dann Gott gefunden hat-
oder besser: Wie Gott ihn gefunden hat. Gottes Barmherzigkeit hat
ihn gefunden, Gottes Geduld ihn begleitet, in allein seinen
Schwächen.
Das hat ihn verändert. Er lebt nicht mehr so wie früher. Er erzählt
von Gott und seiner Liebe, ist Vorbild für andere durch das, was ihm
geschehen ist. Er schreibt seine Geschichte auf, schickt sie als
Brief an Mitchristinnen und Mitchristen.
Ich lese aus dem ersten Brief an Timotheus, aus dem 1. Kapitel.
12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus,
der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt
eingesetzt,
13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein
Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe
es unwissend getan, im Unglauben.
14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt
dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.
15 Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass
Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen,
unter denen ich der erste bin.
16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus
Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die
an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.
17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und
Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit!
Amen.
Wer hat diesen Brief geschrieben? Paulus, denken wir, und sollen
das auch tun. Denn mit dem Namen des Paulus ist das Schreiben
unterzeichnet. Und die Lebensgeschichte, die erzählt wird, ist ja
auch die seine. Aber er selbst wird diesen Brief so wohl nicht
geschrieben haben. Im ganzen Brief fehlen nämlich Begriffe, die für
Paulus wichtig waren, wie Gottes Gerechtigkeit, oder der Bezug zum
Kreuz Christi. Und wichtiger noch: Als Frevler oder Gottlosen vor
seiner Lebenswende hat er sich auch in der Rückschau niemals
verstanden.
Vielleicht war es der Sekretär des Paulus, vielleicht war es Lukas-
auf jeden Fall aber war es jemand, dem die junge Gemeinde am Herzen
lag.
Und es war sicher jemand, dem die Vorstellung einer großen Wende im
Leben nicht fern war.
In der Urkirche- und das ganze neue Testament berichtet davon- war
das ja der Weg, wie Menschen zu Christen und Christinnen wurden-
nicht durch Geburt, nicht durch Erziehung und selbstverständliche
Tradition.
Sondern durch Erzählen und Reden, durch Vorbilder im Glauben und in
der Gemeinschaft. Etwas Neues begann für die Menschen, das ihr Leben
veränderte, wenn sie Christinnen und Christen wurden.
Fast mag man ein wenig neidisch werden auf so einen Neuanfang. Und
auf diese Sicherheit, die aus den Zeilen des Briefes spricht: Jetzt
bin ich ein anderer, eine andere, ein guter, ein besserer Mensch.
Einen solchen Einschnitt im Leben, der uns zu Menschen macht, wie
Gott sie will, haben wohl auch hier nur die wenigsten erlebt.
Und ich gebe zu, dass ich bei solchen Lebensbeschreibungen, und
seien sie von Paulus oder den ersten Christinnen und Christen, immer
etwas misstrauisch bin.
Mein Erleben, und ich glaube, ich stehe damit nicht alleine, ist
anders: Ich merke immer wieder, dass mir manches gelingt in den
Spuren Jesu, an Nähe, an Mitmenschlichkeit, an offenen Ohren und
Händen.
Und genauso merke ich, dass mir im nächsten Moment vieles zu
schwierig, zu aufwendig, ist, dass ich nicht zu kurz kommen will-
und ich gehe meinen eigenen Weg, in die Ferne, weg von den anderen,
verschließe meine Ohren und meine Hände.
Weiß ich denn, wer ich bin?
Es ist so: ich weiß nicht immer, wer ich bin. Ich weiß nicht , ob
ich immer die Gute, die aufrechte Christin sein werde in allem, was
das Leben mir bringt. Ich weiß, dass ich es oft wohl nicht bin.
Ich weiß nicht immer, wie ich mich verhalten werde, im Konflikt, im
Streit, im Suchen des Richtigen, im Ringen um das Gute. Um es mit
der Geschichte vom Anfang zu sagen: Ich weiß nicht immer, ob ich am
Schaufenster des Juweliers vorbeigehen werde. Das lehrt mich die
Lebenserfahrung und der kritische Blick auf mein Leben.
Ich weiß aber, was ich sein möchte und was ich nach Gottes Willen
sein darf: sein Kind, das nach allem Scheitern neu anfangen darf,
weil es geliebt wird und ermutigt zum Tun des Guten.
Das höre ich auch aus dem Brief an Timotheus. Das ist unser Glaube
so gut wie der unserer Geschwister in allen Zeiten der Kirche.
Ich erkenne die Weisheit der Geschichte vom Rabbi und seinem
Schüler. Und ich glaube an die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, die
mich zum Guten befähigt und zur Liebe.
Und so wünsche ich mir und uns, dass wir
in Momenten, wo wir am Fenster des Juweliers vorbeikommen,
in Momenten, wo wir unsere Mitmenschen und ihre Nöte sehen,
in Momenten, wo andere uns und das Gute in uns suchen,
wissen, wer wir sind: Kinder Gottes, die danach tun.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 01.07.10