Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis - 6. Juni 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II.Reihe: 1.Johannes 4,16b - 21
Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, daß wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn, wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Laßt uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott und haßt seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, daß, wer Gott liebt, daß der auch seinen Bruder liebe.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus,
unserm Herrn. Amen.
„Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott
und Gott in ihm.“ Nur dieser Satz wäre schon die Bibel wert. Gott
ist die Quelle aller Liebe; er ist in allen, die lieben.
Gott ist in der großen Liebe, von der alle träumen. Gott ist in der
Liebe, die sorgt und pflegt bis zur Selbstaufgabe. Gott ist in der
zarten Liebe, mit der Menschen einander suchen und lange zugewandt
sind. Gott ist in aller Liebe. Gott ist die Liebe. Wie wunderbar,
wie tröstlich.
„Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott
und Gott in ihm.“ In einer Dokumentation für die Einstellung junger
Menschen zu Kirche sagte ein 16jähriges Mädchen im Fernsehen dazu:
„Weil ich diesen Satz höre, ist für mich Kirche unglaubwürdig. Wie
kann sie glaubwürdig von einem Gott reden, der die Liebe ist, wenn
überall nur Hass und Tod herrschen?“ Ich selbst, liebe Schwestern
und Brüder, musste in dem Monat Mai, der für mich kein Wonnemonat
war, für 7 Menschen Trauerfeiern gestalten. Ich hatte so manchen
Sterbefall aufgelegt bekommen, bei der mir der Satz „Gott ist die
Liebe“ nicht über die Lippen ging, weil er zynisch gewesen wäre und
anmaßend und die Leidtragenden nicht ernst genommen hätte.
„Gott ist die Liebe“ - ist das nicht ein Hohn angesichts der vielen
getöteten Menschen auf dieser Welt, aus Hass, aus Fanatismus, aus
Profitgier. Da fallen Ihnen viele Beispiele gerade in der
vergangenen Woche ein, Attentate, Überfälle, getötete
Entführungsopfer …
Tod und Hass beherrschen die Welt. „Wer siegen will, darf nicht
lieben.“ Das sagte die amerikanische Filmschauspielerin Sharon
Stone. Was ist Liebe? Tugend der Verlierer? Vertröstung der
Unter-die-Räder-Gekommenen? Traumtänzerei? Etikettenschwindel einer
Glaubens-gemeinschaft, die längst selbst nicht mehr den eigenen
Worten glaubt?
Ist das nicht so: „Wer siegen will, darf nicht lieben!“ Ich kenne
die Schauspielerin Sharon Stone nicht näher. Ich weiß nicht, wie sie
diesen Satz gemeint hat. Ob das ihr Lebensmotto ist, ob das eine
resignierte Feststellung einer bedauerlichen Tatsache ist, ob sie
selbst darunter leidet. Ich weiß nur - oft genug stimmt das: „Wer
siegen will, darf nicht lieben!“
Und doch - solange es Menschen gibt, solange es Menschlichkeit gibt,
bedarf es Liebender. Dabei meine ich gar nicht erster Linie liebende
Menschen, die braucht es natürlich auch. Ich meine einen liebenden
Gott, der mit seiner ganzen Macht, mit seiner ganzen Existenz dafür
einsteht: Es gibt einen anderen Weg als Gewalt und Hass. Ein
liebender Gott, der kann nicht mit Gewalt andere zu ihrem Glück
zwingen. Dann wäre es kein barmherziger, gnädiger und eben liebender
Gott. Ein liebender Gott hält auch die Klagen aus, die Fragen, die
Verzweiflung, das Schweigen, wenn sich eben Fragen nicht beantworten
lassen.
Ein liebender Gott, der ein Gott der Lebenden ist und den Tod
überwunden hat, der gibt Hoffnung angesichts absoluter
Hoffnungslosigkeit. Ein Beispiel, wie so etwas geschehen kann: Bei
einem Besuch unseres Patenkindes in der Mark Brandenburg erzählte
uns die Oma des Kindes, dass sie vor kurzem wie öfter mit dem Kind
auf dem Friedhof war, die Urgroßmutter zu besuchen. Die Kleine
wollte alles genau wissen, auch warum auf einigen wenigen Grabsteine
Kreuze abgebildet seien. „Das sind Christen, die da begraben sind,“
erklärte die Oma. Und die Kleine sei fröhlich auf dem Friedhof
herumgetanzt und hätte sich immer wieder von Herzen gefreut, wenn
sie auf einem Grabstein ein Kreuz entdeckt hätte: „Hier sind wieder
Christen!!!“ Christen, die an den Gott der Liebe glauben, die sogar
stärker ist als der Tod, trauen nicht weniger. Im Gegenteil. Sie
leiden auch nicht weniger und können auch nicht weniger in
Verzweiflung geraten. Aber in ihrer Trauer haben sie etwas, was
andere durchaus bemerken: Es ist das Zeichen des Kreuzes, es ist die
Mensch gewordene Liebe Jesu Christi, die über den Tod hinaus wirksam
bleibt.
Daran müssen wir festhalten. Das müssen wir einander immer
weitersagen. Bezeugen in Wort und Tat. Dass es sich trotz und gerade
aller Bedrohung lohnt, der Liebe zu trauen. Nehmen wir Gott ganz
ernst: „Furcht ist nicht in der Liebe. Die wahre Liebe treibt die
Furcht aus.“ Und kein Schmerz, keine Trauer, keine Angst kann die
Tür wieder verschließen, die Gottes Liebe geöffnet hat.
Die zeitgenössische Autorin Susanna Tamaro schließt einen Roman mit
folgendem Dialog mit der sterbenden Hauptperson, einer alten
Ordensschwester: „Jetzt hast du verstanden“, ... „Soll das eine
Frage sein?“ „Nein, eine Feststellung.“ „Was habe ich verstanden?“
Das Einfachste: was Liebe ist.“ „Und was ist Liebe?“
„Aufmerksamkeit.“
Liebe ist Aufmerksamkeit füreinander. Grenzenlose Aufmerksamkeit.
Die Zusage bleibt, dass Gott uns annimmt, so wie wir sind. Dass er
sich in uns einfühlen kann und uns gibt, was wir brauchen.
Aufmerksam sein, heißt menschlich sein. Heißt im anderen immer den
Menschen erkennen können und ihn so lieben lernen. Auch Mitleiden,
Offen-sein für das Leid, Aushalten des Schmerzes sind Zeichen der
Liebe. Einer Liebe, die Teil der großen, umfassenden, grenzenlosen
Liebe ist.
Wir können danken für alle Menschlichkeit, die uns auch und gerade
angesichts von Tod und Leid begegnet. In ihnen wird mehr deutlich,
was Liebe vermag als an den nur guten Tagen. Gottes Liebe ist
stärker als der Tod - und dieser Satz allein ist doch schon die
ganze Bibel wert. So wahr und hart dieser Satz bleibt: „Wer siegen
will, darf nicht lieben.“ Gott hat es durch seinen Sohn Jesus
Christus möglich gemacht: Seine Liebe macht aus den Verlierern die
wahren Gewinnen. Trauen wir dieser Liebe. Im Leben wie im Sterben.
So sagt es Marie-Luise Kaschnitz, und so können Sie es in unserem
Gesangbuch nach Lied Nr. 630 nachlesen:
Glauben Sie, fragte man mich,
an ein Leben nach dem Tode?
Und ich antwortete: Ja.
Aber dann wußte ich keine Auskunft zu geben,
wie das aussehen sollte dort.
Ich wußte nur eins:
keine Hierarchie auf goldenen Stühlen sitzend,
kein Niedersturz verdammter Seelen.
Nur,
nur Liebe, freigewordene,
niemals aufgezehrte, mich überflutend.
Mehr also, fragen die Frager,
erwarten Sie nicht nach dem Tode?
und ich antwortete:
Weniger nicht.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 06.06.10