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Liebe Gemeinde

„Muss auch eine Glocke haben!“ mit dieser Bemerkung versah Preußen-könig Friedrich Wilhelm IV. die Baupläne der Evangelischen Kirche Bad Lippspringe. Das war im Jahr 1846. Auf diese Anmerkung hin, aber sicher hauptsächlich auf Wunsch der Gemeinde, wurde 13 Jahre später, also 1859 ein Turm mit Glocken an die Kirche angebaut.

In den letzten Wochen habe ich mich häufiger an diese Aufzeichnungen in der Geschichte unserer Gemeinde erinnert. Und ich habe mich gefragt, ob der Turmbau damals unter der mehrheitlich nicht-evangelischen Bevölkerung Lippspringes eine ebenso lebhafte Debatte auslöste, wie heute die Minarettbaupläne der muslimischen Gemeinde unserer Stadt. Haben auch vor 150 Jahren Menschen den Bau als Affront einer kleinen Minderheit gegen die Mehrheit empfunden? Leider habe ich dazu nichts in den Aufzeichnungen und Annalen der Gemeinde oder der Stadt gefunden.

Die Diskussion um den Turmbau an der Moschee bewegt die Menschen in Bad Lippspringe und auch über die Stadtgrenzen hinaus. „Darf das Minarett gebaut werden?“, so die momentan wohl am häufigsten gestellte Frage beim Einkaufen, am Stammtisch, im Rat der Stadt und in den Medien.

Würden allein Recht und Gesetz ei-ne Rolle spielen, wäre die Antwort sehr leicht! „(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ So lautet der Artikel 4 unseres Grundgesetzes. Und ergänzend dazu erklärt der Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung (einer der Artikel, die in unser Grundgesetz übernommen wurden) die Freiheit der Religionsgemeinschaften, ihre Angelegenheiten auf Grundlage der gelten-den Gesetze selbst zu regeln. Oder sehr vereinfacht ausgedrückt: so-lange das Baurecht nicht dagegen spricht, darf ein Turm an einer Moschee gebaut werden.

Diese Religions- und Kirchenartikel aus Weimarer Reichsverfassung und Grundgesetz sind das Ergebnis einer Entwicklung, die aus den leidvollen europäischen Religionskriegen der vergangenen Jahrhunderte gelernt hat. Sie ermöglichen den Weg zu einem friedlichen, konstruktiven Mit-einander von Kirchen und Religionsgemeinschaften in Deutschland. Insofern wäre es mehr als unklug, sich von der bewährten, gesetzlich geschützten Religionsfreiheit zu verabschieden.

Allerdings hat die leidenschaftlich geführte Diskussion um das Minarett noch eine ganz andere Dimension. Und hier geht es dann um große Unsicherheit, um Befürchtungen bis hin zu Angst vor dem Fremden.
Sicherlich ist Angst kein guter Ratgeber und Pauschalurteile über Menschen muslimischen Glaubens sind es auch nicht. Aber natürlich darf gefragt werden, was genau dort gebaut werden soll, warum und zu welchem Zweck. Nur sollte an dieser Stelle mit den Menschen gesprochen werden, die in der Moschee am Gebet teilnehmen, und nicht über sie. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich dort meistens jemand findet, der freundlich und ehrlich (und in deutscher Sprache) Rede und Antwort steht.

Seit zehn Jahren gibt es in Lippspringe das Gebet der Religionen, an dem die muslimische Gemeinde und fast alle christlichen Gemeinden teilnehmen. Nahezu ebenso lange treffen sich in regelmäßigen Ab-ständen Presbyterium und Moscheevorstand bzw. der „Runde Tisch der Religionen“, eine Zusammenkunft der Geistlichen und VertreterInnen aller interessierten Religionsgemeinschaften. Hier wurde eine Vertrauensbasis geschaffen, auf der viele Themen, auch heikle und kritische Punkte, besprochen werden können. Immer wieder wird in den Diskussionen deutlich: den Islam gibt es genauso wenig wie das Christentum. Die Religionen werden von vielen Menschen gelebt in einer Vielzahl unterschiedlicher Prägungen und verschiedenartiger Traditionen. Insofern macht es Sinn, vor Ort genau hinzuschauen – und nicht etwa, wie in der Schweiz geschehen, per Abstimmung alles Andersartige erst mal generell zu verbieten (da hätte unser Kirchturm vor 150 Jahren wohl auch keine Chance gehabt, befürchte ich).

Es macht Sinn und ist zugleich im Geist der Bibel gelebte Nachfolge Jesu. An vielen Stellen des Evangeli-ums wird berichtet, wie Jesus mit den Menschen Kontakt sucht, die gerade nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören. Samaritaner wurden zu Jesu Zeiten als andersartig, religiös verwerflich, ja sogar bedrohlich empfunden. Einen Samaritaner, für uns heute sprichwörtlich für Güte und Barmherzigkeit, stellt Jesus als Beispiel vor Augen. Damals sicher ein Skandal.

Darf das Minarett gebaut werden? Viel wichtiger scheint mir die Frage: Gelingt es uns, unsere christliche Tradition im Geist Jesu zu leben?

Ihre

Antje Lütkemeier

 

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© Ev. Kirchengemeinde Bad Lippspringe  15.02.10